Wie kreativ ist K.I.? Oder: Gibt es künstlerische Intelligenz?

Von Mathias Mersch, veröffentlicht am 21.10.2019
Code auf Monitor

„Also wieder kellnern...“

wird jetzt mancher Musiker sagen. Ähnlich geht es vielleicht Fotomodels, die Bilder des virtuellen Models Shudu gesehen haben, ganz zu schweigen von Grafikern, Texterinnen, Sprechern,... Ganz offensichtlich schickt sich K.I. an, eine ernst zu nehmende Playerin in der Werbebranche zu werden. K.I. schafft individuelle, kreative, unvorhersehbare Lösungen - wenn man den Versprechen glaubt. Aber so viel vorweg: Zumindest was Endel betrifft, steht K.I. wohl eher für „Kein Individualismus“. Doch dazu später mehr.
Gleichwohl möchte ich die Gelegenheit nutzen, dem Wesen der Kreativität nachzuspüren und zu prüfen ob K.I. auch „Kreative Intelligenz“ sein kann.

K.I. - ein alter Hut

Der Traum von intelligenten, gar menschlichen Maschinen ist alt. Seit den Fünfzigern des 20. Jahrhunderts stand die Menschheit auch immer mal wieder kurz vor dem Durchbruch - zumindest laut Medien. Dieser wurde dann aber genauso oft vertagt. So blieb außer Inspiration für Romanautoren und Hollywoodregisseure wenig Bahnbrechendes. Es scheiterte bereits an der Grundvoraussetzung: Rechenleistung.

Und heute?

Die Rechenleistung hat mittlerweile eine nennenswerte Größe. Und sie nimmt, auch dank K.I., weiter zu. Die von Google angekündigte Cloudplattform für Quantencomputer setzt ein weiteres Signal in diese Richtung. Die Entwicklung von künstlicher Intelligenz ist also ein sich selbst beschleunigender Prozess.
Hinzu kommt, dass intelligente Apps auf immer mehr Informationen zugreifen können und somit eine immer bessere „Vorbildung“ bekommen.

Aber reicht das?

Wirft man beispielsweise einem Kleinkind einen Ball zu, wird es fortan jeden Ball erkennen, weil es das Objekt, visuell, haptisch, vor allem aber auch emotional verknüpfen kann. Einer K.I., würde man Bilder vieler Bälle zeigen. Dann leitet diese anhand der Gemeinsamkeiten ihre Definition von Ball ab.
Experimente haben gezeigt, dass K.I.-Apps sich dabei auch an Informationen orientieren, die mit dem Objekt eigentlich nichts zu tun haben, beispielsweise einem Quellennachweis auf dem Bild. Sie sind damit zwar erfolgreich, jedoch aus dem falschen Grund.
Diese Strategie heißt treffenderweise „Clever Hans“ - benannt nach einem Pferd, das Anfang des letzten Jahrhunderts in Berlin zur Jahrmarktattraktion wurde. Stellte man dem Tier eine Rechenaufgabe, stampfte es das Ergebnis mit einem Huf auf den Boden. Es sollte sich allerdings herausstellen, dass es nur funktionierte, wenn sein Besitzer danebenstand. Das Pferd war mathematisch nicht begabter als seine Artgenossen, konnte aber am Verhalten seines Herrchens ablesen, wann es mit dem Stampfen aufhören musste.

Clever Hans und K.I. haben eine entscheidende Gemeinsamkeit: Sie verstehen nicht, was sie tun und lassen sich dementsprechend leicht austricksen.
Darin liegt auch der Grund, warum Filterprogramme in sozialen Medien nicht zuverlässig arbeiten. Facebook trägt dem Rechnung, indem es von Filtern aussortierte Inhalte zusätzlich von Menschen sichten lässt. So hatte K.I. Aufnahmen der brennenden Notre Dame mit denen der Twin Towers in New York verwechselt. Und auch von einem Algorithmus, der die Löschung des Christchurch-Videos veranlasst hätte, ohne vergleichbare Videospiele zu behelligen, ist man noch sehr weit entfernt.

Und was ist nun mit Endel?

Endel setzt die vorgegebenen Informationen in sehr simple musikalische Themen um. Alles passt zusammen, aber es gibt keine packende Melodie, keinen Rhythmus, „wo man mit muss“, nichts Überraschendes. Endel erfindet: Fahrstuhlmusik (dort möchte man ja auch keine Überraschungen erleben) - nicht sehr kreativ.

Was ist denn kreativ?

Kreativität bedeutet immer, Gewohntes ein Stück weit zu verlassen.
Denn Neues, Ungewohntes schafft Aufmerksamkeit. Und darum geht es schließlich in der Werbung. Sei es der griffige Spruch, die markante Melodie, der schräge Soundeffekt. All das verschafft dem Spot Aufmerksamkeit und lässt ihn in Erinnerung bleiben.

Natürlich könnte man auch ein Programm unkonventionell „denken“ lassen. Jedoch genau das wäre dann aber wieder eine Konvention. Es wäre in etwa, als würde man planen, etwas Spontanes zu tun.

Der Mensch macht den Unterschied

Unkonventionalität ist nicht per se gut. Kreativität setzt zwar gedankliche Freiheit in einem Schaffungsprozess voraus. Sie ist aber nicht beliebig.
Daher ist hier etwas sehr Menschliches gefragt: Intuition, oder, wie es das Magazin Focus mal nannte: „die Intelligenz der Gefühle“. Sie entscheidet, was, wie wirken wird.
Der kreative Prozess beginnt daher häufig schon im Briefinggespräch mit dem Kunden. Hier lassen sich Eindrücke und Emotionen sammeln, die oft Impulsgeber für den kreativen Prozess sind.
Endel hat den Anspruch, individuelle Musik zu entwickeln. Hierfür greift die App jedoch ausschließlich auf Informationen über den Kunden zu. Das zielt darauf ab, dass es eine optimale, richtige Lösung gibt. Wenn es um Emotionen geht, greifen Kategorien wie richtig oder falsch jedoch nicht.
Einfach gesagt: eine K.I. kann einen Menschen bestenfalls analysieren. Für echte Empathie reicht es aber noch lange nicht.
So kann sie durchaus Melodien, Gedichte, Bilder kreieren. Ob diese aber einen Menschen berühren, bleibt dem Zufall überlassen. Letztendlich wird immer ein Mensch benötigt, der aus den „Ideen“, die die App auswirft, etwas Brauchbares heraussucht und gegebenenfalls weiter entwickelt.

Fazit

K.I. ist schon heute in vielen Bereichen schneller und zuverlässiger als der Mensch. Aber, sie bleibt immer eine Simulation. Jedoch sollte man anerkennen, dass auch eine Simulation von Kreativität und Individualität für die Bewältigung vieler Aufgaben ausreichen wird.

Solange sowohl Produzenten als auch Kunden dieses jedoch als Motivation verstehen, mutiger und unkonventioneller zu denken, wird man einer K.I. immer einen Schritt voraus sein.

Und..., mal ganz allgemein gefragt: „Brauchen wir überhaupt künstliche „künstlerische“ Intelligenz?“
Es wäre sicher spannend, ein Handy zu haben, das auch mal einen Witz raushaut oder eine selbstkomponierte Melodie trällert. Aber dafür auch dessen Launen ertragen?!

Im Ernst: Die Menschheit ist doch mit den Leistungen der Shakespeares, Mozarts, und Da Vincis bisher ganz gut gefahren - oder?


Foto: Pexels.com / Markus Spiske

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Mathias Mersch

ist Musiker, Texter und Audio-Producer. Er produziert in den ams Studios u.a. Spots, Werbejingles und Promos für die zugehörigen Radiosender.