Warum ein Profisprecher bei der Spotproduktion sinnvoll ist

Von Mathias Mersch, veröffentlicht am 14.05.2019
Mikrofon

Die Moderatorin im Radio welch eine Stimme...
Der Erz
ähler aus dem Hörbuch - absolut fesselnd...
Diese Stimme in der Warteschleife so schön kann warten sein...

Warum eigentlich ein/e Profisprecher/in?

Sprechen zu können, bedeutet nicht, dass man auch Sprecher ist. Sprecher ist ein Beruf, den man erlernen muss. So weiß im Zweifelsfall jede Sprecherin, jeder Sprecher genau, wie ein Wort in richtigem Hochdeutsch gesprochen wird (was übrigens auch in Ostwestfalen schon für manche Überraschung gesorgt hat).
Aber es gibt mehr Gründe, die für eine professionelle Stimme sprechen:

  1. Sprachverständlichkeit: Präzise artikulkierte Worte (und Inhalte) schaffen Gewissheit. Klarheit schaffen durch Klartext reden. Hohe Sprachverständlichkeit zeichnet sich aber auch aus, wenn Außengeräusche das Hören beeinträchtigen.
  2. Wohlklang: Eine Stimme ist wie ein Musikinstrument. Und einem Instrument, hört man lieber zu, wenn es gut klingt (und gut gespielt wird).
  3. Emotionen: Professionelle Sprecher sind, wie Schauspieler, darauf spezialisiert, ihrer Stimme eine bestimmte gewünschte Emotion zu verleihen. Oder diese, bei informativen Texten, bewusst herauszunehmen.
  4. Renommee: Die Stimme fungiert auch als Repräsentantin des Unternehmens. Und das möchte natürlich als professionell wahrgenommen werden.
  5. Wiedererkennung: Die Stimme kann Teil des Markenklangs sein.Unternehmen sichern sich diese deshalb gern auch exklusiv - wenn es das Budget zulässt.

Der Text zur vorgegebenen Stimme

Ist eine Stimme Teil des Markenklangs oder einer bestimmten Konzeption, hat das natürlich Einfluss auf den Text. Er sollte also auch auf diese Stimme ausgerichtet werden.
Beispiel: Ein Autohaus möchte mit einer Kinderstimme werben. Um die Rolle des Kindes glaubwürdig auszugestalten, kommt es darauf an, den Mehrwert für das Kind herauszuarbeiten: Eine Aussage wie: "Meine Freunde finden Papas Auto echt cool", ist glaubwürdiger als spräche das Kind von Mobilitätsgarantie oder Mindestlaufzeit.
Es gilt also Rollenklischees zu beachten. So ist es sinnvoll beim Texten für eine Synchronstimme, deren Filmrolle im Hinterkopf zu haben.
Eine besondere Herausforderung ist die Arbeit mit Testimonials (engl. Zeugnis, Referenz). In der Werbung bezeichnet es Charaktäre, die in einem gelernten oder bereits bekannten Zusammenhang mit dem Produkt stehen. Bekannte Beispiele: die Clementine oder der "Schwäbische Müslimann".
Auch Laiensprecher, wie die Hausfrau beim Einkauf oder der Mechaniker in der Werkstatt, können eine glaubwürdige Referenz sein.
Aber: Der Mensch hat ein feines Gehör dafür ob jemand einen vorgegebenen Text spricht oder seine eigenen Worte benutzt. Die Herausforderung besteht also darin, einen Profisprecher laienhaft klingen zu lassen oder einem Laien genau die Aussage zu entlocken, die die angedachte Werbebotschaft transportiert.

Die Stimme zum vorgegebenen Text

Eine wichtige Überlegung bei der Konzeption eines Textes ist, diesen auch der richtigen Person in den Mund zu legen. So hängt die Auswahl der Stimme von verschiedenen Kriterien ab.

  • Alter und Geschlecht: Eine Dreißigjährige, die für eine Haftcreme wirbt, wäre wohl ähnlich unglaubwürdig wie der Silverager, der Skateboards anpreist. So weit, so einleuchtend. Aber bewirbt man ein technisches Produkt lieber mit einer Frauen- oder Männerstimme? Manche würden sagen. „Technik ist was für Männer, und die reagieren naturgemäß eher auf eine weibliche Stimme.“ Andererseits: Wie glaubwürdig ist eine Frau, die über Technik spricht? - Natürlich ist das ein Klischee und gehört, wie jedes Klischee, immer mal wieder auf den Prüfstand. So haben Baumarktketten längst die Frau als Macher etabliert, während andere Unternehmen mit männlichen "Softies" werben. Uns zeigt es vor allem, dass bereits das Anlegen einer Rolle großes kreatives Potential birgt.
  • Charakter: Jeder Mensch hat seine ganz eigene Sprachmelodie. Und auch die meisten SprecherInnen sind auf einen bestimmten Stimmcharakter spezialisiert. Ob es um ein sachliches Statement, um etwas Emotionales, oder Spielerisches geht, ob es humorvoll, lasziv, überdreht sein soll, ob ein Dialekt, ein Akzent oder eine Stimmenimitation gefragt ist, entscheidet auch über die Besetzung der Sprechrolle.
  • Klang: Nicht immer muss es die perfekte, sonore Stimme sein. Gerade bei Spielszenen sind Charaktäre gefragt, die wiedererkennbar und authentisch sind. So ist es manchmal gerade das Rauhe oder Nasale, das eine Stimme attraktiv macht. Entscheidend sind oft der Kontext und die Wechselwirkung mit anderen Stimmen im Spot.
  • Kosten: Die Honorare der SprecherInnen fallen durchaus unterschiedlich aus. Stimmen von besonderer Exclusivität oder Bekanntheit haben auch einen besonderen Preis. Dafür sorgt beispielsweise eine Syncronstimme auch für besondere Aufmerksamkeit.

Aufnahme und Regie

Die Aufnahme erfolgt nur noch in Ausnahmesituationen vor Ort. Üblich ist längst, via Datenfernübertragung aufzunehmen: Sprecher oder Sprecherin sind dabei in einem anderen Studio oder zu Hause in ihrer eigenen Aufnahmekabine. Die Vorteile liegen auf der Hand: Wir können dadurch auf jede Stimme weltweit zugreifen. So lassen sich Telefonansagen in jedweder Sprache aufnehmen. Gegebenenfalls wird dabei ein sprachkundiger Regisseur zugeschaltet. Darüber hinaus lassen sich Aufnahmen auch spontan durchführen – ein großer Vorteil bei kurzfristigen Textänderungen. 

Die Aufgabe der Regie ist, Sprecher/innen im Sinne des Konzepts zu führen und Fehler zu korrigieren. Nicht selten entsteht erst bei der Aufnahme der letzte Feinschliff, zum Beispiel bei der Wortwahl. Kunden machen gern von der Möglichkeit Gebrauch, bei den Aufnahmen oder der Nachbearbeitung (Postproduktion) dabei zu sein – sozusagen als Co-Regisseur.

Postproduktion - Photoshop für die Ohren

Das aufgenommene Material wird in drei Schritten nachbearbeitet.

  • Die Sprachtakes werden selektiert, zusammengeschnitten und auf die gewünschte Länge gebracht.
  • Der Klang und die Dynamik werden so bearbeitet, dass eine optimale Präsenz und Sprachverständlichkeit gewährleistet ist.
  • Das fertige Sprachmaterial wird nun in den gesamten Kontext gemischt. Dieses kann, bei Spielszenen, eine virtuelle Umgebung, also ein Raum mit der entsprechenden Atmo sein. Häufig ist es auch einfach Musik.

Ergo

Die Stimme ist in der Audioproduktion das wichtigste Element. Dass sie generell eine zentrale Bedeutung hat, lässt sich schon daran erkennen, wie viele Begriffe von dem Wort Stimme abgeleitet sind. Man könnte also resümieren: Es stimmt, dass in einem stimmigen Spot, vor allem die Stimme bestimmt ob die Stimmung stimmt.

Avatar of Mathias Mersch

Mathias Mersch

ist Musiker, Texter und Audio-Producer. Er produziert in den AMS Studios u.a. Spots, Werbejingles und Promos für die zugehörigen Radiosender.