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Vom Stopp-Sagen, Scheitern und viel Spaß: Verena Pausder im Interview

Von Barbara Kawa, veröffentlicht am 06.03.2018
Verena Pausder

Verena, wenn man an Start-Ups denkt, dann kommen einem junge, hippe Leute in den Sinn, die ganz viel arbeiten, aber auch immer mit sehr viel Spaß unterwegs sind. Passt das?

Verena Pausder: Spaß ist ein wichtiger Faktor. Das ist auch die erste Sache, über die ich mit zukünftigen Gründern und Gründerinnen spreche. Gründen ist ja kein Lifestyle nach dem Motto „Das ist total cool, geht mal nach Berlin, gründet mal!“
Fakt ist: Es ist ganz schön viel Arbeit ein Start Up hochzuziehen. Nach der Gründung kommt erstmal eine lange Durststrecke und insofern muss es viel Spaß machen. Deshalb macht es Sinn, dass man Dinge gründet, die authentisch sind und bei denen man das Gefühl hat, das passt zu mir. Man wird das eine ganze Weile machen. Und wenn ich sage, das habe ich eigentlich nur rational gegründet, weil es besonders erfolgreich sein könnte, aber eigentlich stehe ich nicht so richtig dahinter, dann wird es schwierig. Denn als Gründer wirst du mit deinem Produkt verknüpft. Dann hilft es, wenn du das Produkt auch magst und Spaß daran hast.

Wenn es einem Spaß macht und wenn man es mit Leidenschaft macht, dann kommt es einem nicht wie Arbeit vor.

Welche Tipps hast du für junge Leute, die eine Idee haben, aber den nächsten Schritt nicht kennen und dann z.B. in Bielefeld zur Founders Foundation kommen, die Gründer berät und unterstützt?

Verena Pausder: Der Haupt-Tipp ist, sich zu überlegen: Was bringe ich denen? Ganz oft kommt man irgendwo rein und denkt: Hier bin ich, ich habe eine Idee, jetzt helft mir mal. Und dann setzt man sich an den Tisch und sagt: Bring it on! Wen oder was habt ihr jetzt so für mich?
Das geht vielleicht auch eine Zeitlang gut. Aber die Frage ist: Welche Gründer werden mit Mentoren zusammengebracht? Natürlich diejenigen, die mehr machen als nur dazusitzen und zu sagen, was könnt ihr für mich tun?

Bei meinem Projekt „Startup Teens“ haben wir beispielsweise Deutschlands jüngsten Hacker entdeckt. Der hat gesagt: Was kann ich für euch tun? Soll ich mal eure Webseiten hacken, um euch zu zeigen, wo die Sicherheitslücken sind? Das ist sinnvoll und hilfreich. Natürlich wird so jemand viel schneller an denjenigen vermittelt, der ihm helfen kann. Weil er auch etwas zurückgibt.
Generell sollte man dem Gegenüber, der Institution, das Gefühl geben, dass man auch etwas zurückgeben will und nicht nur gekommen ist, um Abzugreifen.

Der zweite Tipp ist, sich nicht zu schade zu sein, ganz viel zu fragen. Wir haben heute die verquere Wahrnehmung, dass wer fragt, dumm ist, weil er es ja nicht weiß. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn man schlau fragt, kommt man in kürzester Zeit sehr viel weiter.


Wieso haben wir so ein Problem, auch mal zu scheitern?

Verena Pausder: Scheitern war in Deutschland noch nie ein Modell. Wenn jemand scheitert, wird eher gesagt: „Hab ich doch gleich gewusst“, statt denjenigen aufzufangen. Wir sind nicht so stolz auf die Ausreißer nach oben und unten in unserer Gesellschaft. Wir wollen alle irgendwo in der Mitte sein, denn da ist es ok. Nicht politisch gemeint. Man verlässt einfach seine Komfortzone nicht. Wer das tut und scheitert, wird zurückgeholt in die Mitte nach dem Motto „Das war aber auch eine blöde Idee“. Du musst also schon viel Mut haben, dich einmal raus zu wagen. Besonders wenn du aus einem Familienumfeld kommst, was nicht unternehmerisch geprägt ist. Denn dann musst du erstmal die Denkbarrieren überwinden, dass sowas überhaupt geht.

Gleichzeitig geht mit dem Scheitern einher, dass wir Erfolg nicht feiern. Wenn jemand richtig durchstartet und ganz oben ankommt, dann ist es nicht so, dass wir ihn - wie z.B. die Amerikaner - zum „National Hero“ erklären. Sondern dann ist das auch etwas dubios und wir fragen uns, ob der irgendwie von zuhause viel Geld hatte oder bessere Startchancen oder sonst irgendwie Glück. Wir vertrauen relativ wenig in die Fähigkeiten von Unternehmern in diesem Land und darauf, dass sie es ganz allein dahin geschafft haben.

Wir müssen uns vielmehr Vorbilder und Mentoren angucken und fragen: Wie haben die das denn gemacht? Und: Können die mir das jetzt erzählen, damit ich nicht die gleichen Fehler nochmal mache?

Wie sehr hat unser Mittelstand oder unsere Wirtschaft „gepennt“?

Verena Pausder: Ich habe neulich einen Vortrag von Chris Boos gehört, quasi dem „Künstliche Intelligenz-Gott“ in Deutschland. Er sagt: Der Mittelstand hat einen Riesenvorteil. Er hat seit Jahrzehnten Prozesse und Betriebswissen, was keiner in der Welt hat. Deswegen haben wir so viele Hidden Champions, so viele Weltmarktführer, die keiner kennt. Weil die irgendwas können, was keiner sonst irgendwo so gut kann. Und wenn die jetzt anfangen würden, Maschinen und Roboter mit diesem Wissen zu füttern, wären sie ein Vielfaches schneller, als das Silicon Valley jemals sein wird.

Und das ist so ein bisschen auch meine Empfehlung an unseren Mittelstand: Wir haben insofern gepennt, weil Google schon seit 17 Jahren Daten sammelt. Wir haben das zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht groß was dagegen getan bzw. dafür. Z. B. dass wir es eben auch machen. Aber es ist noch nicht alles verloren. Sich jetzt zurückzuziehen und zu sagen „Jetzt haben die uns sowieso schon abgehängt“, das ist die falsche Denkweise. Wir sollten jetzt sagen: „Jetzt sind wir mal wieder so smart, wie wir es ja vor Generationen und in dieser Generation auch schon waren und nutzen mal diese neue Welt für uns.“ Insofern würde ich sagen: Der Mittelstand ist aufgewacht und jetzt muss er handeln!


Was sagst du zum Thema Work-Life-Balance?

Verena Pausder: Es kann nicht sein, dass man Arbeit als etwas betrachtet, was man dann im „Life-Part“ seines Lebens wieder ausgleichen muss. Aber was ich auch feststelle: Es geht nicht auf Dauer, dass du alles machst, bis nachts brennst, und dich dann fragst, warum die Energie nicht mehr wiederkommt.

Was ich jungen Menschen sage, gerade Frauen, die sehen, dass ich auch Familie habe und trotzdem viel mache, ist: Du musst wissen, wann stopp ist. Und das musst du für dich selber sehr früh definieren. D.h. aber nicht, dass du gleich die ganze Karriere stoppen musst oder eine Jobmöglichkeit absagen. Sondern du musst dich innerhalb dieser Möglichkeit festlegen. In meinem Fall als Beispiel: Ich muss abends um 18 Uhr bei meinen Kindern sein, sonst laufe ich auf Dauer leer. Das weiß ich jetzt über mich. Also bin ich um 6 zuhause. Deshalb kann ich aber trotzdem alles machen, was ich mache. Das geht dann um halb 9 weiter oder mal am Wochenende oder ich muss mal früh aufstehen.

Dieses „Guck mal, es geht doch!“ müssen wir mehr vorleben und auch die Seite des Abschaltens. Es ist bis heute immer noch sehr en vogue darüber zu reden, wie viel man arbeitet und wie lange und wie hart und dass man nachts nur noch irgendwo nen Sandwich gegessen hat. Aber das ist kein tolles Vorbild. Das ist nicht auf Dauer erstrebenswert. Die Balance vorzuleben - aus „Ich arbeite superhart, aber ich mache auch mal Pause“ - das ist wichtig. Dann ist vielleicht auch das Drohgespenst weg, was sagt „Oh Gott, ich gebe mein Leben an der Klinke des Arbeitgebers ab“.


Welchen "Berlin-Funken" möchtest du gerne nach Westfalen bringen?

Auf jeden Fall den Funken „Traut euch“ und es sind ganz viele, die sich mit euch trauen. Denn warum ist Berlin im Bereich Start Up-Gründung so erfolgreich? Weil es so viele sind. Nicht weil jeder einzelne besser wäre, als jemand, der hier in Westfalen gründet. Sondern weil es so viel einfacher ist und eine niedrigere Hemmschwelle hat, es zu versuchen. Wenn man sich in Berlin in ein Café setzt und sagt „Ich glaube, ich gründe morgen mal eine UG, wir probieren mal XY“, dann sagt keiner „Sag mal bist du bescheuert?“. Wenn man das hier in Westfalen macht, sagt jeder „Hast du denn schon einen Investor, hast du denn schon einen Business Plan, woher weißt du denn, dass das irgendwer braucht?“. Und dann hast du schon lauter Fragezeichen im Kopf und lässt es dann doch wieder sein.

Ich glaube es ist wichtig, hier die kritische Masse zu erzeugen. So dass man das Gefühl hat, nicht alleine zu sein. Und dass es wie z.B. mit der Founders Foundation in Bielefeld auch Orte gibt, wo ich eben dieses Gefühl bekomme. In Berlin gibt es tausende Cafés, die alle voller Gründer sind, das gibt es hier noch nicht. Also braucht es hier diese besonderen Orte.

„Traut euch“ ist also das eine und das andere ist „Helft euch“. Und damit meine ich auch den Mittelstand und die lokale Wirtschaft. Wir waren hier doch immer eine Gründermetropole, warum haben wir denn hier so tolle Unternehmen, die alle in den letzten Jahrhunderten riesengroß geworden sind und auch bis heute Erfolg haben? Weil sich irgendwann mal irgendwer was getraut hat. Es kann ja nicht sein, dass dieser Funke in dieser Region plötzlich nicht mehr da ist!

Vielen Dank für das spannende Gespräch!


Foto: Kim Keibel

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Barbara Kawa

ist Online-Redakteurin und Social Media Managerin bei ams - Radio und MediaSolutions und beschäftigt sich mit allen Themen im und rund ums Web.