Verdeckter Arbeitsmarkt: So gehen Sie auf Kandidatensuche

Von Heiko Link, veröffentlicht am 04.12.2018
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Verdeckter Arbeitsmarkt: So gehen Sie auf Kandidatensuche

Wenn die Bewerbungseingänge aber dünner werden oder gar ganz ausbleiben, dann ist der verdeckte Arbeitsmarkt nicht so wirklich greifbar. Ein Bericht über eine nachhaltige Art der Kandidatensuche - ohne - schriftliche Unterlagen.

Die Jobs, die im Netzwerk keiner haben will

Böse Zungen behaupten, dass im offenen Arbeitsmarkt nur die Jobs landen, die im Netzwerk keiner haben wollte. Wer über Freunde, Bekannte oder sonstige Kontakte auf Jobsuche ist, der weiß unter Umständen mehr über die Stelle, als dem Personaler oder Abteilungsleiter lieb ist. In diesem Punkt ist der offene Arbeitsmarkt mit seinen öffentlichen Stellenausschreibungen auf der Firmenhomepage, in Jobbörsen, bei der Agentur für Arbeit oder auch über den Personalvermittler (Headhunter) ganz klar im Vorteil: Die Kandidaten schießen ins Blaue. Sie wissen nicht, was sie hinter einer (nicht selten in Eile und lieblos verfassten) Stellenanzeige erwartet. Beide Seiten sind in froher Erwartung und Hoffnung, auf ein schnelles, gutes Geschäft. Während die Bewerber Standardbewerbungen raushauen, gucken die Personaler bei der Vorauswahl im Schnitt zwei Minuten in die Unterlagen. Der eine schreibt viel. Der andere sichtet viel. Kurz: Wir haben doch keine Zeit!

3 Stunden + 6 Minuten Zeitaufwand für die Suche

Im offenen Arbeitsmarkt beträgt der Zeitaufwand für die eigentliche Suche ein bis sechs Minuten plus drei Stunden. Also: Kurz die Unterlagen sichten. Plus zwei bis drei Stunden Vorstellungsgespräch mit dem Bewerber. Nur mal zum Vergleich: Für die Suche nach einem neuen Wäschetrockner nehmen sich Menschen in der Regel fünf Stunden Zeit. Beim Jahresurlaub werden zehn Stunden investiert (was mir persönlich recht flott vorkommt). Nach einer Wohnung oder einem Haus wird mehrere Wochen gesucht. Wenn's um die Liebe geht, sind Singles unter Umständen mehrere Monate auf der Piste.

Auch auf der Bewerberseite liegen die Vorteile der schnellen Nummer auf der Hand: Standardunterlagen kosten mich nicht viel Zeit. Außerdem erspare ich mir die Mühe (und Zeit), mich mal mit mir selbst zu beschäftigen und (berufliche) Ziele zu formulieren. Da will man ja auch nicht unbedingt wissen, was am Ende Verrücktes dabei herauskommen könnte.

Die Bewerbungsmappe entfällt

Wie sieht die Jobvergabe im verdeckten Arbeitsmarkt dagegen aus? Auch da kann es manchmal schnell gehen. Vielleicht sitzen sich zwei Kollegen in der Kantine beim Frühstück gegenüber und der eine sagt: "Ich brauche für mein Team im Export einen neuen Sachbearbeiter. Der Reiner geht ja bald in Rente." Daraufhin der andere (mit vollem Mund, weil er gerade in sein Brötchen gebissen hat): "Ich schicke Dir mal meinen Neffen vorbei. Der sucht gerade. Das könnte ganz gut passen."

Besagter Neffe bekommt jetzt von einer internen Quelle des potentiellen Arbeitgebers die Info: "Sprich mal mit dem Exportleiter. Der ist echt nett und die haben da ein wirklich gutes Team am Start." Weitere, für ihn wichtige Fragen, bekommt der Neffe ebenfalls aus erster (und vertrauensvoller) Hand beantwortet. Das wiederum sorgt dafür, dass er weniger Angst hat, seinen jetzigen Job zu kündigen. Denn er weiß, was auf ihn zukommt und dass es wahrscheinlich nicht schlechter wird als das, was er jetzt hat. Er kann über seinen Onkel auf dem kleinen Dienstweg mal kurz in der Abteilung vorbei schneien. Den Chef kennenlernen. Die Kollegen. Seinen zukünftigen Arbeitsplatz. Die Bewerbungsmappe entfällt komplett oder wird zur reinen Formsache, ganz am Ende des Prozesses. Man kennt sich jetzt schließlich.

Die klassische Reihenfolge umdrehen

In der Umkehr der Reihenfolge, liegt im verdeckten Arbeitsmarkt der Schlüssel zum Glück. Ich klopfe die wichtigsten Einstellungsfaktoren - die Persönlichkeit und die Passung ins vorhandene Team - als erstes ab. Aus den Unterlagen hätte der Personalentscheider das ohnehin nicht herauslesen können. Selbst im Vorstellungsgespräch wird das schwierig. Da lernt der Arbeitssuchende den Arbeitgeber nicht ungezwungen und locker kennen. Denn machen wir uns nichts vor: Das Gespräch dient der Diagnostik.

Gucken wir uns die klassische Reihenfolge an:

  1. Formelle
    Check der Unterlagen.
  2. Fähigkeiten
    Hat der Kandidat die benötigten Fähigkeiten?
    Finde ich diese im Lebenslauf?
  3. Motivation
    Ist sie vorhanden? Wie liest sich das An-/ Motivationsschreiben?
    Welchen Eindruck habe ich im Vorstellungsgespräch?
  4. Persönliches
    Passt die Persönlichkeit? Passt der Kandidat ins vorhandene Team?
    Über die Passung entscheiden der spätere Vorgesetzte und der Personaler, die den Kandidaten nur aus ein bis zwei Gesprächen kennen. Der Kandidat kann selbst nicht mitentscheiden, weil er das Team nicht kennt. Er muss sich auf seinen ersten Eindruck aus den Vorstellungsgesprächen verlassen.

Verdeckter Arbeitsmarkt: Lernen von der Kündigung

Wie sieht es im Falle einer Kündigung aus? Schmeißen Sie jemanden raus, weil Sie nach fünf Jahren feststellen, dass die Bewerbungsunterlagen nicht mehr den formellen Anforderungen entsprechen? Entlassen Sie einen Mitarbeiter, weil Sie nach Jahren plötzlich bemerken, dass er gar nicht die benötigten Fähigkeiten mitbringt? Das wird vermutlich nur unter ganz besonderen Rahmenbedingungen der Fall sein. In der Regel ist die Motivation auf der Strecke geblieben oder es passt persönlich einfach nicht mehr. Warum sollten Sie die Reihenfolge also nicht einfach mal umdrehen?

Von klassischen Auswahlkriterien verabschieden

Der verdeckte Arbeitsmarkt ist im Grunde überall. In der eigenen Firmenkantine. In Ihrem Sportclub. Oder auch in Ihrem Freundeskreis oder Unternehmernetzwerk. Wenn Sie auf den verdeckten Arbeitsmarkt aktiv zugreifen wollen, dann müssen Sie netzwerken. Also Menschen treffen und so über das Persönliche auf die Kandidaten zugehen.

Dabei sollten Sie einerseits gut zuhören können und Ihr Gegenüber nicht wie ein unsensibler und aufdringlicher Verkäufer mit den Vorzügen Ihres Unternehmens überrollen. Anderseits sollten Sie klar und auf den Punkt formulieren können, wen genau Sie suchen. Dann können andere leichter eine Verknüpfung herstellen (oder sich selbst anbieten).

Last but not least brauchen Sie einen offenen Mindset. Mit Unterlagengläubigkeit und den klassischen Auswahlkriterien, wie Schreibfehlern im Anschreiben sowie kurzen Episoden und Lücken im Lebenslauf, kommen Sie in Zukunft nicht weiter. Wenn Sie es schaffen, sich davon zu verabschieden, dann erfahren Sie Dinge, die niemals jemand in seinen Lebenslauf schreiben würde. Dann erscheint ein aufgrund der Unterlagen als völlig absurd anmutender, kompletter Quereinstieg, plötzlich als der logische nächste Schritt.

Das Netzwerk allzeit bereithalten

Beim Netzwerken sollten Sie immer am Ball bleiben. Und zwar auch dann, wenn Sie gerade niemanden suchen. Ihr Netzwerk muss einsatzbereit sein, wenn der Moment der Stellenbesetzung kommt. Dann kann es auch im verdeckten Arbeitsmarkt recht flott gehen, mit der Einstellung. Nur für den Fall, dass Reiner aus dem Export nicht lange vorhersehbar in Rente geht, sondern nach einem Lottogewinn am Wochenende am Montag einfach nicht mehr wieder kommt.

 

 

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Heiko Link

ist der 44-jährige Gründer von "Endlich Montag!", Experte für den verdeckten Arbeitsmarkt und das Thema Netzwerken. Als Karriere- und Personalberater unterstützt er Jobsucher und Unternehmen dabei, das Berufsleben so zu gestalten, dass der Montag zum schönsten Tag der Woche wird (Freitag ist mittlerweile echt voll oldschool!). Zentrale Elemente seiner Beratung sind Humor und Herausforderung. In seinem Jobsucher-Podcast interviewt er regelmäßig Manager, Personalentscheider, Key Note Speaker und Experten rund um das Thema Jobsuche und Arbeit.