Sprichst du noch oder hörst du schon?

Von Uwe Wollgramm, veröffentlicht am 19.01.2021
Smartspeaker steht auf einem Tisch

Statt über das Handy mit anderen Menschen zu sprechen, begannen die stolzen Besitzer von iPhones im Jahr 2011 mit ihrem Gerät zu reden. Und das antwortete sogar, in Gestalt eben dieser Siri. Damals war sie noch keine so große Hilfe. Beziehungsweise er, denn bei Franzosen, Briten, Holländern und im arabischen Raum spricht ja ein Mann Siri…

Erst die Hardware Smartspeaker verhalf der Software Sprachassistenz zum Durchbruch.

Alexa zieht ein

Mittlerweile ersetzen Smartspeaker in vielen deutschen Küchen, Bädern oder Wohnzimmern den klassischen UKW-Radioempfänger. Jeder dritte Deutsche nutzt zumindest gelegentlich Sprachassistenten. Gut 12 % der Bevölkerung besitzt mindestens einen Smartspeaker. Jeder zehnte Deutsche hat einen Amazon Echo.

Auditive Inhalte sind populärer geworden. Das ist eine Riesenchance für alle Radio- und Audioproduzenten.  

Nutzung von Smartspeakern

72 Prozent der Nutzer sagen, dass sie Radio oder Musik-Streamingdienste wie z.B. Amazon-Music, Spotify oder Deezer hören. Oder die vor wenigen Jahren schon totgesagten Podcasts, die inzwischen auch in Deutschland einen Siegeszug angetreten haben.
Weitere beliebte On-Demand-Angebote sind der Wetterbericht, Verkehrshinweise oder Nachrichten.

Für viele Interessenten ist bei der Kaufentscheidung für einen Smartspeaker die Empfangsmöglichkeit von Radio ein wesentliches Kriterium. Ein Drittel gibt an, nach dem Kauf eines Smartspeakers mehr Webradio zu hören.

Zwischen Skills

Dass nun im Gegensatz zum UKW-Radiogerät mit ein paar Favoritentasten die auditive Vielfalt aus dem gleichen Lautsprecher kommt und um die Gunst der Ohren buhlt, ist für die Radioschaffenden  Fluch und Segen zugleich.

Radio muss nun das Abspielgerät teilen mit anderen nützlichen Diensten. Es ist das gleiche Gerät, aus dem der Timer piept oder das als Gegensprechanlage zur Türklingel funktioniert, das gleiche Gerät, mit dem telefoniert oder das Licht eingestellt wird oder mit dem Kochrezepte vorgelesen und Einkaufslisten geführt werden.

Die Auswahl an Skills ist unüberschaubar groß. Entsprechend fragmentiert ist auch das Nutzungsverhalten.

Radio und Smartspeaker – ein Gegensatz?

Radio hat verschiedene Möglichkeiten, in der neuen Audiowelt mitzuspielen und erfolgreiche Geschäftsmodelle zu entwickeln:

Da ist zum einen der sogenannte Simulcaststream, also das Übertragen des gleichen Inhalts über verschiedene Kanäle. Radio bietet mit seinen kuratierten musikalischen und journalistischen Inhalten Verlässlichkeit. Radio ist quasi der Gegenentwurf zu der „Content-Blase“ bei Social Media, in der wir nur noch Inhalte nach vermeintlich eigenen Interessen und Vorlieben bekommen, gefüttert von datengetriebenen Anbietern mit dem immer passenden aber irgendwie einfältig wirkenden Content. 

Zum anderen liegt die Chance für Radioanbieter in den diversifizierten Angeboten der Radiomarke. Einst machte der Weihnachts-Channel den Anfang - zusammen mit orts- und vor allem zeitunabhängig abspielbaren Radio-Nachrichten.

Podcasts bieten ein zusätzliches und zukünftiges Betätigungsfeld für Hörfunkredakteure. Je nach persönlicher Interessenlage oder als Auftragsproduktion für zahlende Unternehmen.

Podcastfabrik beispielsweise greift bei den Produktionen beispielsweise auf das handwerkliche Können von Lokalradio-Redakteuren zurück.

Emotion vs Information

Aber wie neutral sind die Vorschläge der Sprachassistenten von Amazon, Google und Co. eigentlich? Sprachassistenten werden gern als Enzyklopädie genutzt. Nicht auf jede Frage kommt dann eine passende Antwort. Bei „Alexa answers“ kann man Antworten einpflegen. Nur: ironisch, lustig oder traurig dürfen die Antworten nicht sein. So etwas weist Alexa ab. Mit Emotionen tun sich Sprachassistenten schwer - im Gegensatz zu Radiomachern, die ihre Hörer mit viel Gefühl ansprechen.  

Dieses Gefühlvolle, Menschliche ist der klare Vorteil von Radio. Deshalb werden Radioschaffende mit diversifizierten Angeboten der bekannten und beliebten Radiomarken in der Angebotsvielfalt auf Smartspeakern und bei Sprachassistenten auch weiterhin einen festen Platz einnehmen.

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Uwe Wollgramm

ist seit 2000 Geschäftsführer sowohl von ams - Radio und MediaSolutions als auch von den Betriebsgesellschaften der Lokalradios in Ostwestfalen-Lippe und im Kreis Warendorf. Als socher verantwortet er die wirtschaftliche Entwicklung der sieben Radiosender.