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Lange Arbeitszeiten können Unternehmen schaden

Von Kristina Grube, veröffentlicht am 05.06.2018
Arbeitnehmer sitzt erschöpft am Schreibtisch

Fachkräftemangel vs. Wünsche künftiger Mitarbeiter

In Zeiten von Fachkräftemangel kann es für Unternehmen nur ratsam sein, auf die Wünsche der Mitarbeiter einzugehen, um ein attraktiver Arbeitgeber zu sein. Die „WirtschaftsWoche“ hat zu diesem Thema im Jahr 2014 eine interessante Umfrage von „Universum Communications“ veröffentlicht. Das schwedische Employer Branding Research Unternehmen fragte junge Arbeitnehmer, worauf sie bei der Wahl ihres Arbeitgebers Wert legen. Platz Eins belegte die „Work-Life-Balance“ mit 67 Prozent, noch vor der Jobsicherheit (52 Prozent), der intellektuellen Herausforderung (49 Prozent) oder der Personalverantwortung (32 Prozent). *1
Das zeigt, wie relevant den Nachwuchs-Fachkräften ihre Arbeitszeit ist. Der Job sollte in erster Linie mit dem Privatleben vereinbar sein, so dass der Arbeitnehmer eine ausreichende Zeit für Freunde, Familie und Freizeitaktivitäten zur Verfügung hat. Auch der Punkt der Erholung, der Pflege der eigenen Gesundheit und der privaten Weiterbildung spielen hier mit hinein.


Die Realität sieht aber anders aus – für viele Arbeitnehmer sind Überstunden ganz normal. Laut dem Statistischem Bundesamt haben elf Prozent der Vollzeiterwerbstätigen im Jahr 2016 überlange Arbeitszeiten und arbeiteten damit mehr als 48 Stunden pro Woche. Der Durchschnitt liegt mittlerweile bei 41 Stunden pro Woche, im Jahr 2015 waren es noch 40,5 Stunden. *2
Eine Studie der AKAD Hochschule in Leipzig sowie der Tempus-Akademie ergab, dass 85 Prozent der 1.400 Befragten regelmäßig länger arbeiten, als es in ihrem Vertrag vorgesehen ist. Die Überstundenschieber blieben dann rund sechs Stunden pro Woche länger als vereinbart. Trotzdem haben fünf von sechs Beschäftigten das Gefühl, dass sie immer noch nicht genügend arbeiteten. *3

Wer zu lange arbeitet, macht Fehler

Die Gesellschaft für Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologische Forschung (GAWO) beschäftigt sich seit 1986 mit der wissenschaftlichen Forschung im Bereich der angewandten Psychologie. Die aktuellen Untersuchungen befassen sich dabei immer wieder spezifisch mit dem Thema Arbeitszeit und Folgen einer Überlastung. Arbeitszeit belegt immer Zeit, die nicht genutzt werden kann, um sich zu erholen, zu schlafen, für das Sozial- und Familienleben oder Freizeitaktivitäten. Andauernde lange Arbeitszeiten können demnach zu einer unzureichenden Erholung von arbeitsbedingten Belastungen führen. Die Mitarbeiter seien dann erschöpft und müde, was kurzfristig zu Einschränkungen der Leistungsfähigkeit sowie einem erhöhten Unfallrisiko führt. Langfristig gefährden lange Arbeitszeiten die Sicherheit und Gesundheit der Mitarbeiter. Bei langen Schichten steige das Risiko für Fehlhandlungen massiv an – und das nicht linear, sondern exponentiell, so Prof. Dr. Friedhelm Nachreiner, Leiter der GAWO in einem Interview der Hans-Böckler-Stiftung. In jedem Falle sinke die Konzentration, so dass Fehler passierten. Ein regelmäßiger Wechsel von Arbeits- und Ruhephasen sei zentral für die Regeneration. Die elf Stunden Ruhe, die das Arbeitszeitgesetz vorschreibt, seien unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten das Minimum. *4

Mitarbeiter sind unproduktiv, unzufrieden und ineffizient

Sich während eines langen Arbeitstages über die gesamte Zeit zu Höchstleistungen zu treiben, ist utopisch. Durch die einsetzende Ermüdung brauche der Mitarbeiter mehr Zeit, mehr Handschläge und müsse sich mental stärker konzentrieren, um dasselbe Ergebnis zu erreichen, so Nachreiner. Das ist nicht effizient und kann auch nicht im Sinne des Unternehmens sein. Die Beschäftigten könnten zwar mit vielen Pausen während der Arbeitszeit dem entgegensteuern, doch das könnte eben auch dazu führen, dass sie schlussendlich noch länger auf der Arbeit bleiben müssen. Dann komme es zu einer „sozialen Desynchronisierung“, also dem Verlust an sozial verwertbarer Zeit und zu sozialen Beeinträchtigungen. Die Folge: Der Mitarbeiter ist ausgepowert und aufgrund seiner unausgewogenen Work-Life-Balance unzufrieden. Das demotiviert und schlägt im schlimmsten Fall auch auf die Gesundheit.

Lange Arbeitszeiten machen krank

Lange Arbeitszeiten und Überstunden machen krank und können vor allem für Frauen gesundheitliche Spätfolgen mit sich bringen. Das haben Forscher der Ohio State University in den USA herausgefunden. Sie haben Daten von mehr als 12.000 Amerikanern untersucht, die ihre Arbeitszeit und ihren Gesundheitszustand über 32 Jahre lang dokumentierten. Dass Männer mit langen Arbeitszeiten etwas besser zurecht kommen als Frauen, begründen sie damit, dass Frauen oft mehr Verantwortung in der Familie übernehmen. Sie seien darum mehr Druck und Stress ausgesetzt – vor allem, wenn Überstunden dann auch noch den genau getakteten Tagesplan durchkreuzen. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass Frauen, die mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten, ein höheres Risiko für Herzerkrankungen, Krebs, Diabetes oder Arthritis haben. Bei einer 60-Stunden-Arbeitswoche über 30 Jahre hinweg erhöhe sich das Risiko genannter Krankheiten sogar auf das Dreifache.

Nach einer Zusammentragung von arbeitsmedizinischen Studien, kommt „Focus Online“ auf noch konkretere Angaben. Demnach erhöhe sich sowohl bei Männern als auch bei Frauen, die täglich mehr als zehn Stunden arbeiteten, das Herz-Kreislauf-Risiko um 60 Prozent. Bei einer Wochenarbeitszeit von mehr als 40 Stunden, würden Beschäftigte mehr rauchen und trinken. Frauen bekämen öfter Depressionen, Männer würden ungesund dick werden. Lange Arbeitszeiten bedingen den Anstieg von Stresshormonen, was wiederum zu Schlaf-, Appetit- oder Konzentrationsstörungen führe. Weitere Folgen seien hoher Blutdruck, Stimmungsschwankungen und ein schwaches Immunsystem.

Feierabend – Schluss mit der Kommunikation!

Neben langen Arbeitszeiten und Überstunden führt eine ständige Erreichbarkeit in der Freizeit zu „Beeinträchtigungen im Privatleben von Beschäftigten“, so das Fazit eines Forschungsüberblicks der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Die Autoren Barbara Pangert und Professor Heinz Schüpbach von der Universität Freiburg haben zu diesem Thema in wissenschaftlichen Datenbanken recherchiert und sind dabei auf 23 internationale Untersuchungen gestoßen. Das Ergebnis: Arbeitsbezogene Kommunikation außerhalb des Büros ist für viele Arbeitnehmer der Alltag. Eine Befragung der Betriebskrankenkassen ergab, dass die Hälfte der Beschäftigten sogar jederzeit für die Angelegenheiten bei der Arbeit erreichbar ist. In einer AOK-Studie gaben 34 Prozent der Befragten an, dass sie „häufig oder sehr häufig“ außerhalb der Arbeitszeit Mail- oder Telefonkontakt mit dem Arbeitgeber hatten.

Eine Untersuchung der Deutschen Angestellten Krankenkasse ergab, dass Beschäftigte, die in einem hohen Maße für den Arbeitgeber erreichbar sein müssen, häufiger an Depressionen erkrankten als andere. Das Fazit von Pangert und Schüpbach: Je höher die arbeitsbezogene Erreichbarkeit ist, desto stärker sind Konflikte zwischen Arbeits- und Privatleben ausgeprägt. Die Effekte gelten unabhängig von beruflicher Position, Karriereambitionen, Arbeitsbelastung und Arbeitszeitarrangements der Betroffenen. Doch wer unter extremem Druck leide, nur einen geringen Entscheidungsspielraum und eine wenig flexible Arbeitszeit habe, leide besonders unter der erwarteten Erreichbarkeit nach der Bürozeit. Der Negativ-Effekt wird durch diese Einflussgrößen noch weiter verstärkt. Die Folge seien dann Stress, Burnout und ein Nicht-Abschalten nach der Arbeit, so Pangert und Schüpbach. *5

Unternehmenserfolg durch kürzere Arbeitszeiten

Nach den zahlreichen Negativ-Folgen von langen Arbeitszeiten, Überstunden und einer unausgewogenen Work-Life-Balance, etwa auch durch eine ständige Erreichbarkeit des Beschäftigten, sollte klar sein: Wer lange arbeitet, schafft nicht automatisch mehr. Hier ist ein Umdenken bei den Arbeitgebern gefragt – den Mitarbeitern zuliebe, aber auch im Hinblick auf den eigenen Unternehmenserfolg. Mitarbeiter, die müde, unproduktiv, gestresst oder unaufmerksam ihre Arbeit verrichten oder im schlimmsten Fall durch Krankheit sogar ganz ausfallen, können ihr Potential nicht optimal in das Unternehmen einbringen.

So weit zu gehen, das Arbeitszeitmodell komplett zu überdenken und drastisch zu kürzen, erscheint dann aber doch zu radikal? Nicht für Lasse Rheingans, der in seiner Bielefelder Digital-Kommunikationsagentur „Rheingans Digital Enabler“ den Fünf-Stunden-Tag einführte. Die Folge: Glückliche Mitarbeiter, zahlreiche Optimierungen, Unternehmenserfolg, geplante Mitarbeitereinstellungen und eine erwartbare Umsatzsteigerung. Eine Erfahrung, die auch das amerikanische Unternehmen „Tower Paddle Boards“ gemacht hat. Seit Einführung des Fünf-Stunden-Tags stiegen die Umsätze um 40 Prozent und die Angestellten verdienen nun doppelt so viel.

Diese Beispiele zeigen, dass es sich durchaus auch lohnen kann, festgefahrene Systeme aufzubrechen, scheinen sie im ersten Moment vielleicht auch unrealistisch.


*1 Vgl. Universum Communications (2014): „Worauf legen junge Arbeitnehmer bei der Wahl des Arbeitgebers Wert?“, veröffentlicht in: WirtschaftsWoche (2014), Nr. 49, S. 82.
*2 Vgl. Statistisches Bundesamt (2016): Qualität der Arbeit 2017 – Geld verdienen und was sonst noch zählt.
*3 Vgl. Markgraf, Daniel (2013): Arbeitswelten im Wandel. Auswirkungen von etablierten Kommunikationsmitteln und sozialen Medien auf die Effizienz modernen Arbeitens, S. 13.
*4 Vgl. Hans-Böckler-Stiftung (o.D.): „Ein regelmäßiger Wechel von Arbeits- und Ruhephasen ist zentral für die Regeneration“, Web.
*5 Vgl. Barbara Pangert, Heinz Schüpbach (2013): Die Auswirkungen arbeitsbezogener erweiterter Erreichbarkeit auf Life-Domain-Balance und Gesundheit, Hrsg: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, November 2013.


Foto: pixabay.de

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Kristina Grube

hat Crossmedia & Communication Management (MA) an der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld studiert sowie Medienkommunikation und Journalismus (BA). Seit Studienbeginn ist sie außerdem als freie Mitarbeiterin für eine lokale Tageszeitung tätig.