Forschung Digitalisierung: OWL gehört zu den besser aufgestellten Regionen

Von Kristina Grube, veröffentlicht am 17.08.2017
Portrait von Prof. Wittberg von der Fachhochschule des Mittelstands

Marketing in Westfalen: Die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Digitalisierungsindex für KMU in NRW“ liegen nun vor. Was waren die zentralen Erkenntnisse?

Prof. Dr. Volker Wittberg: Die wesentliche Erkenntnis ist, dass wir Nachholpotenzial haben. Wenn ich wir sage, dann meine ich die mittelständischen Unternehmen in NRW. Bei aller Bewusstseinsfindung für das Thema Digitalisierung, ist die praktische Umsetzung in einigen Bereichen doch etwas zurückhaltend. Wir haben drei Bereiche untersucht: Das eine ist die IT-Ausstattung, das andere die Personalqualifikation und das dritte ist die Integration in die Wertschöpfungsprozesse. Während wir bei der Ausstattung und der Personalqualifikation im Durchschnitt noch ganz ordentliche Werte finden, ist gerade die Integration in die Wertschöpfungsprozesse noch zurückhaltend und gerade das ist ja eigentlich, was Digitalisierung ausmacht – zumindest so, wie wir es verstehen.

Marketing in Westfalen: „Um Unternehmen aufzuzeigen, wo sie sich innerhalb ihres Marktumfeldes positionieren, initiierte Garrelt Duin das FHM-Projekt“ hieß es bereits im vorherigen Blogbeitrag von Marketing in Westfalen. Wo positionieren sich die meisten Unternemen in OWL?

Prof. Dr. Volker Wittberg: Wir haben die Unternehmen auf einer Skala zwischen 0 und 10 abgebildet, wobei 0 „gar nicht digitalisiert“ heißt und 10 wäre ein „Best-in-class“-Beispiel. In OWL liegen die Unternehmen im Schnitt bei einer guten Vier, wobei es Unterschiede zwischen den drei erwähnten Bereichen und auch branchenmäßig gibt.

Marketing in Westfalen: Welche Branchen nahmen an der Befragung teil? Welche branchenspezifischen Ergebnisse gab es? Welche Branche ist gut aufgestellt, welche vergleichsweise schlecht?

Prof. Dr. Volker Wittberg: Da haben wir drei Cluster gebildet: Industrie, industrienahe Dienstleistungen und Handwerk. Die Industrie und industrienahe Dienstleistungen liegen dabei etwas weiter vor dem Handwerk, wobei man da auch fairerweise sagen muss, dass die Unterschiede nicht so deutlich sind, wie man möglicherweise vermuten würde. Das korreliert vielleicht auch mit der Größe der Unternehmen, denn die Handwerksunternehmen sind ja klassischerweise eher die kleineren. Mit zunehmender Größe des Unternehmens steigt auch der Digitalisierungsgrad. Das wird aber erst signifikant relevant ab 250 Mitarbeitern, also dort, wo nach EU-Definition der Mittelstand schon aufhört. Was vielleicht auch bemerkenswert ist: Bei den klassischen Industrie 4.0-Technologien, von denen derzeit viel gesprochen wird, wie RFID-Chips und sich selbst steuernde Systeme, haben wir fast gar keine Verbreitung. Das heißt, wenn wir über Digitalisierung reden, dann reden wir nicht über Industrie 4.0, denn diese Stufe ist fast gar nicht präsent im Mittelstand.

Marketing in Westfalen: Gibt es regionale Unterschiede? Wie ist die Region OWL aufgestellt?

Die Region OWL gehört zu einen der besseren Regionen in Nordrhein-Westfalen

Prof. Dr. Volker Wittberg: Das hat sicherlich auch etwas mit den Vorleistungen zu tun, wie beispielsweise das „It’s owl“-Projekt1, der Kooperation zwischen Frontrunnern im Industriebereich, aber auch mit Hochschul- und Forschungseinrichtungen. Ähnlich gute Werte sehen wir auch im Köln/Bonner Raum, alle anderen liegen eigentlich hinter OWL, da sind wir im Vergleich gut aufgestellt.

Marketing in Westfalen: Welche Ergebnisse haben Sie persönlich überrascht?

Prof. Dr. Volker Wittberg: Meine zentrale Erkenntnis ist, dass ich nicht mehr an das Disruptive glaube. Ich glaube schon, dass es disruptive Geschäftsmodelle gibt, die auch immer wieder vorkommen werden und sich komplette Geschäftsmodelle und Unternehmen aufgrund der Digitalisierungstechnologie verändern. Im Großen und Ganzen glaube ich aber an einen evolutionären Prozess, der sich eben nicht mit einer extremen Geschwindigkeit fortsetzt, sondern der schleichend Einzug in die Unternehmen hält. In den nächsten Jahren wird die Digitalisierung einer der wesentlichen Treiber für die Geschäftsentwicklung sein, aber dass sich alles sofort und in hoher Geschwindigkeit verändert – das hat die Studie gezeigt – das ist nicht zu erwarten.

Marketing in Westfalen: Woran liegt das? Ist es fehlendes Wissen, wie das Thema angegangen werden kann oder fehlender Druck?

Es gibt kein Patentrezept für Digitalisierung

Prof. Dr. Volker Wittberg: Digitalisierung ist eine unternehmensindividuelle Frage. Jedes Unternehmen muss sich überlegen, wo der Gewinn bei einer Umstellung der Prozesse entsteht. Das Zweite ist, dass wir derzeit eine gigantische Konjunktur haben, so dass der Veränderungsdruck nicht gegeben ist. Die konjunkturell exzellente Lage ist sicherlich einer der Zurückhaltungsgründe der Unternehmen. Zum anderen ist es auch nicht so, dass Geschäftsmodelle von heute auf morgen nicht mehr nicht funktionieren, wenn sie nicht digital sind. Digitalisierung ist ein gesellschaftlicher Prozess. Die digitale Revolution funktioniert nur, wenn alle mitmachen.

Marketing in Westfalen: Ein wichtiger Faktor, ob, wie schnell und wie ausgeprägt Digitalisierung Einzug in das Unternehmen hält, sind demnach also auch die Mitarbeiter, die Neuerungen dahingehend entweder einfordern oder sich dagegen sträuben?

Prof. Dr. Volker Wittberg: Absolut.

Marketing in Westfalen: Ist das vielleicht auch ein Grund dafür, dass ab einer bestimmten Unternehmensgröße der Digitalisierungsgrad signifikant steigt?

Prof. Dr. Volker Wittberg: Einmal das und zum anderen sind in größeren Unternehmen auch die Effizienzgewinne ad-hoc größer. Da ist es auch lohnenswerter, Prozesse automatisiert, intelligent und digital abzubilden.

Marketing in Westfalen: Bei den Digitalisierungsdimensionen wurden die IT-Ausstattung, die Personalqualifikation und die Integration in Wertschöpfungsprozesse erfasst. Welche signifikanten Unterschiede lassen sich hier erkennen?

Prof. Dr. Volker Wittberg: Auf Platz Eins liegt die IT- Infrastruktur. Vor 25 Jahren war ein PC etwas besonderes, heute ist jeder Arbeitsplatz damit ausgestattet. Gleiches gilt bei den Maschinen, in der Technologie und den Industrieprozessen. Da sind wir schon relativ gut aufgestellt – zum einen, was die Ausstattung betrifft, andererseits, was auch das Sicherheitsempfinden angeht, wie Cyber-Security, Arbeiten in der Cloud und dergleichen. Das korreliert mit dem Generationswechsel. Die neuen MitarbeiterInnen, die in das Unternehmen eintreten, sind "Digital Natives". Für sie ist der Umgang damit natürlich. Sie steuern ihr Privatleben wie selbstverständlich mit dem Smartphone und irgendwann steuern sie auch die Unternehmen. Das komplexeste Unterfangen ist die Umstellung der Geschäftsprozesse und das passiert nicht von heute auf morgen.

Marketing in Westfalen: Welche Handlungsempfehlungen lassen sich für kleine und mittelständische Unternehmen in OWL auf Grundlage der Studie ableiten?

Prof. Dr. Volker Wittberg: Die sind zum einen politisch, zum anderen unternehmensindividuell. Politisch muss sicherlich der Weg der Breitbandversorgung konsequent weitergegangen werden, denn nur dort, wo schnelles Internet verfügbar ist, wird auch eine Entwicklung stattfinden. Für den Mittelstand gilt dies insbesondere auch in den ländlichen Räumen. Das darf man nicht unterschätzen.

Der Mittelstand lebt in und von den ländlichen Räumen, so ist Deutschland strukturiert

Das andere ist die Awareness-Bildung und zwar nicht nur in Hinblick auf „Digitalisierung ist wichtig“, sondern auch hinsichtlich „Was muss ich konkret tun?“. Da sind die Kompetenzzentren der Bundesregierung sicherlich sehr hilfreich oder auch Projekte wie „It’s OWL“, wie man in dem Ranking der Regionen gesehen hat. Unternehmensindividuell muss überlegt werden, welcher Weg in Richtung Digitalisierung der richtige ist: Wo liegt der Engpassfaktor? Auf der Einkaufs-, auf Vertriebs- oder der Produktionsseite? Wo kann ich mein Unternehmen am mächtigsten aufstellen?

Marketing in Westfalen: Gab es bereits seitens der teilgenommenen Unternehmen ein Feedback zur Studie?

Prof. Dr. Volker Wittberg: Absolut. Die Unternehmen haben die Ergebnisse dankbar aufgenommen und ihre ganz individuellen Schlussfolgerungen gezogen. Es ist, vor dem Hintergrund einer Selbsteinschätzung, eine Managementaufgabe dann zu schauen, wo man Schwerpunkte der digitalen Agenda setzen möchte. Das ist aber durchaus passiert und da werden wir sicherlich noch viel hören und sehen. Hochschulseitig ist die Digitalisierung ein Kernforschungsthema und es gibt auch ein neues Folgeprojekt. Da sind wir gerade in der Projektentwicklungsphase, da werden Sie und Ihre Leser bald mehr erfahren.

Marketing in Westfalen: Vielen Dank für das Gespräch.

Detaillierte Informationen zu dem FHM-Projekt und den ausführlichen Abschlussbericht können Sie hier nachlesen und herunterladen.


1 Anmerkung der Redaktion: Im Technologie-Netzwerk „Intelligente Technische Systeme OstWestfalenLippe“ - kurz „it's OWL“ - haben sich über 180 Unternehmen, Hochschulen und weitere Partner zusammengeschlossen. Ausgezeichnet als Spitzencluster durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) werden in 47 Forschungsprojekten Intelligente Technische Systeme entwickelt.

Foto: Fachhochschule des Mittelstands (FHM)

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Kristina Grube

hat Crossmedia & Communication Management (MA) an der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld studiert sowie Medienkommunikation und Journalismus (BA). Seit Studienbeginn ist sie außerdem als freie Mitarbeiterin für eine lokale Tageszeitung tätig.