Experiment 5-Stunden-Tag: Das Zwischenfazit von Lasse Rheingans

Von Kristina Grube, veröffentlicht am 20.03.2018
Lasse Rheingans in seiner Agentur

Marketing in Westfalen: Wie entstand die Idee zum 5-Stunden-Tag?

Lasse Rheingans: Ich habe eine Weile in Australien gelebt und habe festgestellt, dass die Schulen dort zu einer – durch Studien belegten – sinnvolleren Zeit anfangen und nicht morgens um halb Acht. Das war der erste Denkanstoß, Standards in der deutschen Arbeitswelt auch ruhig einmal zu hinterfragen.

Ich habe 2007 meine erste Agentur gegründet, die mittlerweile auf 50 Mitarbeiter angewachsen ist und aus der ich im Mai 2017 ausgestiegen bin. Hier habe ich mir vor einigen Jahren schon erlaubt, mir ein, zwei Nachmittage frei zu nehmen und das hat ganz wesentlich dazu beigetragen, dass ich jetzt zu diesem 5-Stunden-Tag gekommen bin. Weil ich da festgestellt habe, dass wenn man sich vernünftig strukturiert und effizient die Themen abarbeitet, die wirklich wichtig sind, man sein Pensum von acht Stunden auch in fünf schaffen kann.

Marketing in Westfalen: Welche Vorteile haben Sie durch den 5-Stunden-Tag?

Lasse Rheingans: Ganz viele. Beim Thema Arbeitgebermarke ist es natürlich spannend zu sehen, wie viele Menschen sich hier bewerben. Die mediale Aufmerksamkeit zeigt, welche Relevanz in dem Thema steckt. Dieser Vorteil ist für uns wahrscheinlich einzigartig und nicht auf andere übertragbar, weil ich jetzt einfach der Erste war.

Wir haben durch diese Einführung eine Minikrise konstruiert.

Wir haben Zeit verknappt, die wir eigentlich brauchen. Durch diese Verknappung werden Missstände offensichtlich – wenn hier Stellen falsch besetzt, Aufgaben falsch verteilt oder Leute überlastet sind. Diese Dinge lassen sich an einem 5-Stunden-Tag nicht mehr verstecken. Aber das ist super. Dann kann man endlich darauf reagieren. Dass ich momentan so lange arbeite, zeigt, es fehlen offensichtlich Kompetenzen im Team, die ich brauche, damit nicht ich diese ganze Arbeit auffange.

Auch positiv ist, dass die Mitarbeiter in fünf Stunden ihre Arbeit erledigen und sich am Nachmittag ausruhen oder Sport machen können und bei manchen führt das dazu, dass sie sich weiterbilden. Einfach, weil sie endlich wieder Zeit dazu haben. Am Ende heißt das für mich: Die Mitarbeiter haben Zeit, Kraft, die sind ausgeruhter, sich glücklicher und zufriedener und leisten trotzdem ihre Arbeit.

Marketing in Westfalen: Gab es bereits innerbetriebliche Änderungen durch den 5-Stunden-Tag?

Lasse Rheingans: Die Aufgabenverteilung und auch die Kommunikation wurden verändert. Allein im Projektablauf – die Kollegen arbeiten von 8.00 Uhr bis 13.00 Uhr. Wenn wir Termine planen und einstellen, dann gibt es immer eine Agenda. Die Laufzeit wird viel knapper bemessen und liegt bei 15-20 Minuten. Jeden Morgen gibt es ein „Stand-Up-Meeting“, bei dem wir uns austauschen, wer welche Aufgaben wie lösen möchte. Auch dabei fällt auf, dass manche Aufgaben von Kollegen schon super gelöst wurden und man dadurch die Kompetenzen besser verteilen kann. Gerade haben wir bei denen, für die es Sinn macht, Telefone gegen Headsets getauscht und auch technologisch werden einige Sachen verändert, die wir durch die eigene Kompetenz als „Digtal Enabler“ selber verbessern können. Wir machen keine Frühstückspausen mehr. Das hört sich erstmal blöd an, aber ein Großteil des Sozialkontakts wird freiwillig nach 13 Uhr in der Küche wahrgenommen – eben ohne Stress und Arbeit. Das geht auch nur, wenn die Unternehmenskultur das zulässt, die Leute da an einem Strang ziehen und gemeinsam überhaupt auch Lust auf privaten Austausch haben.

Allein daran, dass darüber im Internet so intensiv diskutiert wird, zeigt es sich, dass die Zeit reif und der Bedarf da ist, sich ernsthaft mit alternativen Arbeitszeitmodellen auseinanderzusetzen. Der deutsche Arbeitsmarkt braucht diese Diskussion. Alle reden über Arbeitgebermarke und Fachkräftemangel, aber kaum jemand zieht konkrete, tiefgreifende Konsequenzen. Ich glaube, man muss als Unternehmen heutzutage flexibel mit den Bedürfnissen der Menschen umgehen, die sich bewerben sollen.

Marketing in Westfalen: Für welche Unternehmen ist Ihrer Meinung nach dieses Arbeitszeitenmodell anwendbar?

Grundsätzlich wäre das ein Modell für alle kreativen Berufe.

Lasse Rheingans: Ich glaube, man braucht erst einmal eine passende Teamkultur und eine Management-Kultur, bei der das möglich ist. Man braucht eine Fehlertoleranz, das Unternehmen muss auf Augenhöhe mit den Leuten arbeiten und man braucht auch nicht diese starren Hierarchien wie früher. Man muss ein impulsgebender Chef sein, um auch Impulse annehmen zu können und auch Kritik vertragen zu können. Diese Kultur muss erstmal vorhanden sein, um das zu starten. Grundsätzlich wäre das ein Modell für alle kreativen Berufe. All die Berufe, die in zehn Jahren auch noch da sind, denn alle anderen werden in einer Zeit der Digitalisierung vermutlich durch Roboter oder Automatismen erledigt.

Nicht funktionieren kann das Modell in Produktionsbetrieben, wo handwerkliche Arbeiten getätigt werden, die auch nicht durch Maschinen ersetzt werden können. Genauso, wie in der Gesundheitsbranche. Wenn ich auf der Intensivstation liege, wäre es gut, wenn ein Arzt da ist. Oder es muss eben mehr Personal eingestellt werden.

Marketing in Westfalen: Welchen Kritikpunkten standen Sie von außen gegenüber und was können Sie den Kritikern entgegenbringen?

Lasse Rheingans: Manche Kritiker haben behauptet, dass unsere Arbeit jetzt natürlich für den Kunden teurer wird. Das kann ich insofern nachvollziehen, als dass die Menschen immer noch in Stunden rechnen. Aber ich biete eben kaum Leistungen in Stunden an – ich biete Lösungen für bestimmte Themen an. Wenn ein Kunde ein Onlineportal, eine Kampagne oder eine Beratung braucht, dann sind das meistens ergebnisgeriebene Aufträge, die am Ende einen bestimmten Betrag kosten. Ob wir das von den Bahamas in zwei Stunden oder von Bielefeld aus in fünf Stunden machen, ist für den Kunden am Ende egal. Der zahlt den festgelegten Preis und der wird auch nicht teurer.

Marketing in Westfalen: Sie haben nun erklärt, wie der Kunde abgerechnet wird. Wie werden die Mitarbeiter denn bezahlt und gab es personelle Veränderungen?

Lasse Rheingans: Bei denen ist alles unverändert. Die bekommen ihr Gehalt, als wären sie 40 Stunden da und haben auch dieselben Urlaubsansprüche. Es gab auch keine Kündigungen. Das einzige ist, dass wir nun schauen, ob die Mitarbeiter auch da eingesetzt werden, wo auch ihre schwerpunktlichen Kompetenzen liegen. Da sind wir aber auch sehr offen und diskutieren das zwei Mal die Woche, ob man Dinge besser machen kann.
Aber nicht, weil sonst Projekte nicht fertig werden und als Ergebnis des 5-Stunden-Tags, sondern aus den Erkenntnissen heraus. Das wird aber auch dazu führen, dass ich mehr Umsatz machen werde, weil ich die Leute wieder anders verkaufen kann.

Marketing in Westfalen: Welches Feedback von Kunden haben Sie erhalten? Die müssen sich ja auch darauf einlassen.

Bei den meisten Kunden war das Feedback durchweg positiv.

Lasse Rheingans: Das schönste ist ja, wenn man hört, dass die Kunden die Einführung des 5-Stunden-Tags nicht bemerkt haben und die Qualität mindestens genauso gut ist wie vorher. Das war die Mehrheit der Kundenfeedbacks gewesen. Manche sind aber auch irritiert, wenn sie uns nachmittags nicht mehr erreichen. Das ist aber eigentlich nicht schlimm, weil es auch nicht heißt, dass wenn ich jemanden erreiche, dass der Auftrag gleich gemacht werden kann. Wir sitzen hier nicht und warten darauf, dass der Kunde etwas möchte. Hier ist unsere Arbeit im Regelfall sehr genau geplant. Das heißt, es ist eigentlich nur selten  notwendig – hoffentlich nie – dass der Kunde uns plötzlich und spontan sprechen muss. Denn das heißt meistens, dass etwas kaputt ist.

Da muss man gucken, wie man im Supportfall damit umgeht und das ist eine Sache, die wir noch diskutieren. Wenn es wirklich brennt und ein System ausfällt, bekommen wir das aber mit, sei es über eine SMS oder eine E-Mail. Denn das neue Arbeitszeitmodell darf nicht dazu führen, dass der Kunde sich verlassen fühlt. Viele haben sich ansonsten damit arrangiert, dass sie uns im Laufe des Vormittags kontaktieren können.

Marketing in Westfalen: Was lief schlecht und muss wie verbessert werden? Was sind die Nachteile?

Lasse Rheingans: Ein großes Thema, das mir am Herzen liegt, ist tatsächlich die Persönlichkeitsentwicklung von Mitarbeitern, die man nicht so gut begleiten kann. Das heißt, die haben wirklich Stress in den fünf Stunden und der Sozialkontakt geht runter. Da bin ich dankbar, dass sich das Team selber um 13 Uhr zum Mittagessen trifft und redet. Nach den fünf Stunden sind die Mitarbeiter aber auch erschöpfter und da müssen wir schulen, wie sie privat achtsamer mit sich umgehen können. Darüber hinaus bin im Gespräch mit Universitäten und Supervisioren, um zu schauen, wie man Dinge von Kollegen erfahren kann, die sie mir nicht beim ersten Gespräch mitteilen würden und wie man das besser auswerten kann. Das alles mit dem Ziel, zur optimalen Unternehmensform zu kommen.

Marketing in Westfalen: Welches Feedback gab es von den Mitarbeitern?

Lasse Rheingans: Die wollen nie wieder anders arbeiten. Ich weiß nicht, wo die Reise hingeht. Das haben wir einfach als Experiment tituliert am Anfang. Wir werden das weitermachen, weil wir das auch weiter evaluieren und weiterhin so viele, gute Erkenntnisse daraus gewinnen möchten. Aber ob das am Ende ein 5-Stunden-Tag ist oder an zwei Tagen sechs Stunden und an einem Nachmittag eine Stunde länger, das weiß ich nicht. Mein Wunsch ist nicht, dogmatisch an Dingen festzuhalten, sondern zu schauen, was sinnvoll ist. Auch in Absprache mit den Kollegen. Ich will das gar nicht von oben herab bestimmen, sondern will alle Mitarbeiter mit auf die Reise nehmen.

Marketing in Westfalen: Für andere Unternehmen ist das Wissen, das Sie in der Zeit generiert haben, sicher interessant. Gerade, wenn diese das Modell adaptieren wollen. Teilen Sie ihr Wissen?

Lasse Rheingans: Das ist eine schöne Frage. Ich habe ganz viele Anfragen von Kongressen über dieses Thema, von Events, wo ich als Redner angefragt werde – was ich auch gerne mache, das finde ich gut. Was wir aber auch diskutieren, ist ein Blog über unsere Arbeitszeit und unsere Modelle. Auch, um zu zeigen, mit welchen Tools wir arbeiten und was uns hilft, das zu schaffen. Das ist für andere Unternehmen vielleicht interessant, aber auch für unsere Kunden. Damit sie sehen, dass wir das gleiche Pensum an Arbeit schaffen und gleichzeitig aber auch unsere Kreativität fördern. Das soll verbreitet werden, ich teile das alles sehr gerne.

Marketing in Westfalen: Das war auch schon meine letzte Frage. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben und weiterhin viel Erfolg.

Lasse Rheingans: Danke. Sehr gerne.


Fotos: Margarete Klenner, margareteklenner.de

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Kristina Grube

hat Crossmedia & Communication Management (MA) an der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld studiert sowie Medienkommunikation und Journalismus (BA). Seit Studienbeginn ist sie außerdem als freie Mitarbeiterin für eine lokale Tageszeitung tätig.