„Arbeitgeber müssen sich mega reinhängen“

Von Julia Ures, veröffentlicht am 30.11.2021
Tristan Niewöhner

Bekannt ist das Phänomen, dass unsere Gesellschaft immer älter wird und aktuell die geburtenstarken Jahrgänge (die „Babyboomer“ – allein 1964 kamen in Deutschland gut 1,4 Millionen Kinder zur Welt) in den Ruhestand gehen, schon seit Jahrzehnten – und trotzdem scheinen insbesondere in den vergangenen fünf Jahren Unternehmen von den großen Auswirkungen nicht selten überrascht und wenig darauf vorbereitet zu sein. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts sinkt der Anteil der Menschen im Erwerbsalter bis 2035 in Deutschland voraussichtlich um 4-6 Millionen. 2030, so die Statistiker, gibt es mehr über 65-Jährige als unter 20-Jährige im Erwerbsleben.

Aber natürlich ist auch schon jetzt die Entwicklung dramatisch spürbar: „Auf einmal scheint das Thema mit seinen Auswirkungen überall präsent“, beobachtet auch Tristan Niewöhner, Gründer und Geschäftsführer der persomatch GmbH mit Sitz in Bielefeld. persomatch unterstützt Unternehmen durch seine Technologie dabei, deren Stellenanzeigen ganz oben in der Google-Suche zu platzieren.

Niewöhner führt aus: „Die Auswirkungen des Fachkräftemangels gehen bereits jetzt so weit, dass auf manche Stellenanzeigen vor fünf Jahren noch rund 30 Bewerbungen eingingen, heute bekommen Sie auf ein ähnliches Angebot nicht selten null Reaktionen.“

Recruiting ist das Zauberwort

Früher warben Arbeitnehmer um die Gunst der Personalchefs, heute hat sich der Spieß umgedreht. Employer Branding, Aufbau und Pflege einer Arbeitgebermarke sind zu extrem wichtigen Aufgaben in Unternehmen geworden. Und nur ein guter Arbeitgeber zu sein, das reicht schon lange nicht mehr aus, die Bewerber müssen auch davon erfahren.

Die Wege im Recruiting werden immer vielfältiger und das aus gutem Grund: Unternehmen stehen mit dem Rücken zur Wand. Sie brauchen qualifiziertes Personal, um gute Arbeit und einen guten Umsatz erzielen zu können, um sich weiterentwickeln und die Zukunft sichern zu können. Immer weniger Menschen stehen in Deutschland dem Arbeitsmarkt insgesamt zur Verfügung und dazu kommt: „Häufig wurde am Bedarf vorbei qualifiziert“, schildert Niewöhner. „Das Handwerk beispielsweise ist für junge Menschen nicht mehr sexy, hier werden händeringend junge und erfahrene Kräfte gesucht. Oder schauen wir uns die LKW-Fahrer an, auch hier fehlt der Nachwuchs. Nur wenig junge Menschen streben diesen Beruf an – gleichzeitig ist der Traffic auf unseren Straßen immer mehr, der Bedarf immer größer geworden. Heute studieren viel mehr Menschen als früher, sodass diese Akademiker in anderen Bereichen schlicht fehlen.“

Corona-Pandemie verschärft den bestehnden Fachkräftemangel

Inwiefern hat die Corona-Pandemie das Geschehen, das bereits seit den 70er, 80er Jahren bekannt war und sich als große Aufgabe für die Zukunft ankündigte, den Fachkräftemangel beschleunigt? „Corona wirkt hier wie ein Brennglas“, so Niewöhner. „Gerade in der Gastronomie oder der Veranstaltungsbranche hat Corona natürlich besonders ‚reingehauen‘. In Restaurants und Kneipen wurden durch die Lockdowns viele Kräfte entlassen, die sich in der Zwischenzeit umorientierten und jetzt natürlich ungeheuer schwer zurückzubekommen sind. In der Veranstaltungsbranche sieht es ganz ähnlich aus.“ Was hinzukommt: Auch das noch anhaltende Pandemie-Geschehen macht die von künftigen Schließungen möglicherweise wieder betroffenen Branchen nicht gerade zu attraktiven Arbeitgebern.

Die gerade in 2020 und 2021 sehr groß gewordene Zulieferproblematik, so Tristan Niewöhners Einschätzung, „wird sich wieder entspannen, der Fachkräftemangel bleibt! Hier sprechen wir von keiner akuten Krise, sondern von einem systemimmanenten langfristigen Problem.“ 

Mit diesen Tipps gelingt die Personalsuche

Wie gelingt es Unternehmen nun in diesen schwierigen Zeiten, engagierte und qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden? Niewöhner spricht Klartext: „Du musst als Personaler heute deutlich mehr tun als noch vor 5 Jahren! Wichtig ist es, möglichst alle Kanäle zu bespielen. Sichtbar wird das ja bereits, wenn wir einfach nur auf die Straße gehen: Ich kann nicht mehr das Haus verlassen, ohne überall Stellenangebote zu sehen: beim Bäcker, auf Handwerker-Bullis, an Bushaltestellen, in Social Media, bei Google … einfach überall.“ Die Instrumente des Kundenmarketings würden heute zum Personalmarketing genutzt.

Sichtbarkeit ist das Eine, eine attraktive Arbeitgebermarke aber flankierend das Andere: „Meiner Auffassung nach werden in Zukunft die Unternehmen die Gewinner sein, die es schaffen, die besten Arbeitgeber der Welt zu sein.“ Es zeigt sich hierbei: „Nicht jede Unternehmenskultur ist für jeden Arbeitnehmer geeignet, es muss einfach zusammenpassen. Ein ungezwungener Umgang miteinander, das Duzen, flexible Arbeitszeiten, HomeOffice – manche Arbeitnehmer wissen das sehr zu schätzen, andere wünschen sich vielleicht mehr Struktur und klare Regeln.“ Wichtig sei einfach, ein Profil zu haben und das zu schärfen. Wie auch im sonstigen Leben gilt: Everybodys darling, das geht nicht. 

Angekommen scheint ihre Abhängigkeit von der Gunst der Fachkräfte bei vielen Unternehmen, längst aber noch nicht bei allen: „Immer noch wird uns von Bewerbungsgesprächen berichtet, die eher einem Verhör gleichen als einem wertschätzenden Austausch auf Augenhöhe. Auch die Haltung ‚er oder sie kann ja dankbar sein, für uns zu arbeiten‘ finden wir immer noch vor.“  Dabei kämpfen längst nicht mehr die Bewerberinnen und Bewerber um Stellen, sondern Betriebe um Personal. „Arbeitgeber müssen sich mega reinhängen“, bringt Niewöhner es auf den Punkt. Denn erfolgreiches Recruiting macht Arbeit – und kostet Geld. Hier müsse heute deutlich mehr investiert werden als früher. „Eine Zeitungsanzeige reicht einfach nicht mehr aus.“ Der Mix macht es: Anzeigen, analog wie digital, Google Ads, Suchmaschinen, Jobboards, fachlich bezogene Jobbörsen, Radiowerbung, Fernsehen, Print und vieles mehr.

Mehr Zeit für die Personalsuche einplanen als noch vor zehn Jahren

Wichtig ist auch, heute für die Personalsuche deutlich mehr Zeit einzuplanen als noch vor zehn Jahren. Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hat sich die Vakanzzeit, also die Zeit zwischen der Ausschreibung und der Besetzung einer Stelle von beispielsweise 57 Tagen in 2010 auf 118 Tage in 2019 mehr als verdoppelt. Tristan Niewöhner berichtet, in manchen Branchen sogar verdreifacht. Bis eine vakante Stelle neu besetzt wird, vergehen heute also im Schnitt eher mehrere Monate als wenige Wochen.

Niewöhner nimmt zusammenfassend die Perspektive der Arbeitnehmer ein: „Diese Entwicklung wird zum Umdenken bei vielen Unternehmen führen und das Wohlbefinden der Arbeitnehmer weiter in den Mittelpunkt rücken, nicht durch Zwang, Streiks oder Gesetze, sondern ganz einfach durch die sich verschiebenden Kräfteverhältnisse am Arbeitsmarkt. Der Fachkräftemangel mit einem umkämpften Bewerberangebot sorgt dafür, dass die Arbeitgeber, die sich gut und fair ihren Arbeitnehmern gegenüber verhalten, durchsetzen werden."

Avatar of Julia Ures

Julia Ures

ist zuständig für die Betreuung der Print- und Online-Kanäle von ams - Radio und MediaSolutions. Sie kümmert sich um die Pressearbeit für die Lokalradios in Ostwestfalen-Lippe und im Kreis Warendorf, ist ausgebildete Hörfunkredakteurin und Moderatorin.