“And the Oscar goes to...” - TikToks und Reels als Genre

Von Hannah Schürkamp, veröffentlicht am 15.03.2022
Smartphone mit geöffneter TikTok-App

Wer die Kurzvideos auf TikTok und Insta-Reel verstehen will, sieht sich einem Netz aus neuartigen Kommunikationssstrukturen gegenüber. Diese können wirr, unübersichtlich oder sogar ein wenig überfordernd wirken. Aber auch in dieser bunten, lauten Welt gibt es Muster und Regeln. Mehr noch: es gibt Genres. Sechs, um genau zu sein. Heute soll es um drei dieser nach Stoll eingeteilten Video-Kategorien gehen. Die gute Nachricht? Die beliebtesten Genres sind definitiv einsteigerfreundlich!

Für alle, die etwas zu sagen haben: Erklärende Videos

Erklärende Videos sind in ihrer Struktur bestechend einfach, erfordern aber auch eine wichtige Voraussetzung: man muss etwas zu erzählen haben. Ob es nun ein Lieblingsrezept ist, das man teilen möchte, eine Begriffsklärung oder ein interessanter Fakt - der Aufmacher muss vor dem Video da sein. Kurz gesagt: Welche Geschichte möchte man den Usern nahebringen?

Eines haben die meisten Videos dabei gemeinsam: Sie werden häufig von einem zusammenhängenden Voice-Over begleitet, das separat aufgenommen und über passende Bilder gelegt wird. Hier gilt die beliebte Faustregel “In der Kürze liegt die Würze!” Wo Goethe und Schiller noch dem narrativen Schema “Einleitung - Hauptteil - Schluss” gefolgt sind, werfen Content Creator alle Regeln über Bord. Entscheidend ist ein knalliger Satz am Anfang, der kurz zusammenfasst worum es geht: “Dieses italienische Nudelrezept meiner Abuela schmeckt fantastisch!”, oder “Diese Autobahnbrücke in Schweden hat bereits tausenden Tieren das Leben gerettet!” Darauf folgt ein kurzer Beitrag mit passender Musik und Bildern - das war’s. Die Videos sollten originell und interessant, aber nicht zu spezifisch sein. Ein Insta-Kanal über Umweltschutz darf ruhig über internationale Projekte berichten, eine lokale Biomarke kann ganz allgemeine Rezept-Ideen präsentieren. Eine Kaufaufforderung oder die Verknüpfung mit der eigenen Marke gehört hier allenfalls in die Caption, also die Videobeschreibung. Erst einmal gilt es, mit den Inhalten an sich zu überzeugen. Ideen und Inspirationen holt man sich am besten aus dem eigenen Feed oder den Hashtags. Was gefällt mir selbst? Was würde ich mit Freunden teilen, die dieselben Interessen hegen?

Jetzt wird’s persönlich: Dokumentarische Clips

Dokumentarische Videos eignen sich super, wenn man den eigenen Arbeitsalltag oder die Kollegen dokumentieren will. Von der Machart her ähneln sie stark den erklärenden Videos, beweisen aber einen weitaus persönlicheren Bezug. Ein kurzes Video über die seltsamen Angewohnheiten des Büro-Hundes, eine Tour durch die irrsinnigsten Orte des Büros... wer in seinem Alltag etwas findet, was für Zuschauer unterhaltsam, interessant oder “relatable” ist, kann sich sicher sein, dass der Clip geteilt wird. Nichts tut der Reichweite besser als geteilte und gespeicherte Videos, und ganz nebenbei wird das eigene Online-Auftreten menschlicher und sympathischer. Zudem besticht das Genre durch seinen Minimalismus. Es braucht keine aufwendigen Recherchen oder mehrere Audio-Ebenen wie bei den erklärenden Videos. Meistens binden die Macher einen Text im Video ein und ersetzen den Ton durch einen passenden Song - schnell gemacht, schnell geguckt. Anstelle von Video-Schnitt-Skills ist es also entscheidender, im Alltag ein Gespür für die kleinen Dinge zu entwickeln. Was sind lustige, niedliche oder herzerwärmende Details, die für User interessant sein könnten? Und ja, hier darf man sich ausnahmsweise auf die älteste Regel des Internets verlassen: Katzen gehen immer.

Der Elefant im Raum: Comedy

Wir können sie nicht länger ignorieren: die Frage nach den Gags. Comedy ist mit Abstand das beliebteste und populärste Genre auf Tik Tok und Instagram, und um das zu verstehen, muss man erst einmal anfangen, sich mit “memes” und “memification” zu beschäftigen (Vgl. Schellewald: 2021, 26). Wer memes versteht, der versteht auch die Welt der Online-Kommunikation. Genau wie ihr Medium verändern sich die Phänomene aber ständig und sind teilweise schwer nachzuverfolgen. Meistens handelt es sich um ein Grundgerüst für den selben Gag, das dann zahlreich uminterpretiert und auf verschiedene Kontexte angewendet wird. Das kann ein Filmzitat sein, ein Lied, ein Spruch oder ein Bild. Das eine Beispiel gibt es hier nicht, und das macht es auch so schwer, die Bedeutung von memes zu erklären. Memes sind eine Sprache, in der alles ausgedrückt wird, was die Community beschäftigt. Politische Ansichten, Beziehungsprobleme, Ängste. All diese eigentlich ernsten Themen werden Inhalte von Gags und kleinen, absurden Sketchen: sie werden “memifiziert”, größer, dramatischer, und auch lustiger gemacht. Das Gute an diesem Genre? Alles kann zum meme werden. Thema, Stil, Protagonisten - völlig egal. Es reicht, ein lustiges Bild im Internet zu finden, das womöglich schon tausend Mal interpretiert wurde, und eine neue, unterhaltsame Überschrift zu finden. Oder aber man dreht einen dramatischen Sketch zu einer Alltagssituation, die die angesprochene Zielgruppe nur allzu gut nachempfinden kann. Leider gibt es hier keinen Schlüssel zum sicheren Erfolg. Humor ist subjektiv, der Algorithmus wählt teilweise undurchsichtig die Frequenz, in der die Clips in neuen Timelines auftauchen - aber wenn man mit einem Video viral geht, dann vermutlich mit einem guten, simplen meme-Video.

Nächste Woche...

...geht es dann um die verbleibenden drei Genres und die Frage, ob sich diese nicht gerade besonders gut eignen, um eine erfolgreiche Marketing-Strategie auf TikTok und Insta zu entwickeln.


Literatur

Schellewald, A., Communicative Forms on TikTok: Perspectives From Digital Ethnography, International journal of communication (Online). Feb, 2021, p1437, 21 p.


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Hannah Schürkamp

studiert Geschichtswissenschaften und Anglistik und interessiert sich dabei vor allem für interdisziplinäre Medienwissenschaften. Bei ams ist sie in den Bereichen IT und Online unterwegs und beschäftigt sich am liebsten mit der Schnittmenge von Theorie und Praxis.