Der Marketing-Blog für die Region

Aktuelle Forschung: Digitalisierung im nordrhein-westfälischen Mittelstand

Von Kristina Grube, veröffentlicht am 9.2.2017

Digitalisierung im nordrhein-westfälischen Mittelstand

Laut NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin (Bild: Mitte) ist das Thema „Digitalisierung der mittelständischen Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen“ eines der Top-Themen der Standortpolitik. Doch während Großunternehmen dank eigener Forschungs- und Innovationskapazitäten längst ganz vorne unterwegs sind, agieren viele Mittelständler noch zögerlich.

Um strukturpolitische Maßnahmen entwickeln zu können und um Unternehmen aufzuzeigen, wo sie sich innerhalb ihres Marktumfeldes positionieren, initiierte Garrelt Duin das FHM-Projekt „Digitalisierungsindex für KMU in Nordrhein-Westfalen“. Projektstart war Anfang Oktober 2016 und wird voraussichtlich Ende April 2017 abgeschlossen werden. Prof. Dr. Volker Wittberg (Bild: rechts) der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld berichtete „Marketing in Westfalen“ unter anderem erste Zwischenergebnisse zum Forschungsstand.

Marketing in Westfalen: Was genau ist der „Digitalisierungsindex für KMU in NRW“?

Prof. Dr. Volker Wittberg: Im Kern geht es darum, den Digitalisierungsstand von kleinen und mittelständischen Unternehmen in den Dimensionen IT-Ausstattung, HR-Kompetenz und der Integration der Digitalisierung in Wertschöpfungsprozesse zu erheben. Für die Sektoren Industrie, Handwerk und industrienahe Dienstleistung soll eine Vorstellung generiert werden, inwieweit die Digitalisierung bei diesen Unternehmenstypen schon real ist.

Marketing in Westfalen: Mit welchem Ziel wurde der „Digitalisierungsindex“ erhoben?

Prof. Dr. Volker Wittberg: Digitalisierung ist ein sogenanntes Buzzword. Beinahe täglich erreichen uns Einladungen zu Veranstaltungen zur Digitalisierung und viele Unternehmer haben bereits geäußert, dass sie die Wichtigkeit des Themas erkannt haben. Doch sie fragen sich, wie sie nun weiter vorgehen sollen. Es gibt einige größere Mittelständler, die bereits reale Effekte erzielen, aber wenn man von der „digitalen Revolution“ spricht, dann muss man auch akzeptieren, dass eine Revolution nur dann funktioniert, wenn alle mitmachen und nicht nur ein paar Leuchttürme.

Die Erhebung dessen, wie der digitale Wandel in den Unternehmen tatsächlich stattfindet, ist die Ausgangsbasis für die Fragestellung, wie es weitergehen soll und wie sich die Digitalisierung bei den insgesamt 700.000 Unternehmen in NRW real entwickelt und nicht nur in den zehn bis zwanzig „Best Practises“.

Marketing in Westfalen: Wer hat das Projekt ins Leben gerufen?

Die Idee zu dem Digitalisierungsindex entstand in der Fachhochschule des Mittelstands

Prof. Dr. Volker Wittberg: Neben den Bereichen Studium und Lehre hat die FHM Bielefeld auch einen eigenen Bereich „Forschung und Entwicklung“. Auf der Forschungskonferenz im vorletzten Jahr haben wir festgestellt, dass das Thema „Digitalisierung“ standort- und unternehmensbestimmend sein wird. Die Idee des Digitalisierungsindexes stellten wir dem Wirtschaftsministerium vor und NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin initiierte daraufhin das FHM-Projekt „Digitalisierungsindex für KMU in Nordrhein-Westfalen“. Nun ist daraus ein aus EFRE-Mitteln (Europäischer Fonds für regionale Entwicklung) gefördertes Forschungs- und Entwicklungsprojekt geworden, das Frau Prof. Dr. Ellena Werning (Bild: 2. von links) leitet.

Marketing in Westfalen: Welche Unternehmen haben an dieser Untersuchung teilgenommen?

Prof. Dr. Volker Wittberg: Wir haben unsere Fragen empfängerorientiert an Unternehmen aus den Bereichen mittelständische Industrie, Handwerk und industrienahe Dienstleistungen gerichtet und dafür einen hybriden Forschungsansatz gewählt mit einerseits Expertengesprächen über die gesamte Projektdauer hinweg und andererseits eine Online-Befragung, die wir an 15.000 mittelständische Unternehmen in NRW gerichtet haben. Momentan sind wir bei Letzterem bei etwa 500 Antworten, wobei die Befragung noch nicht abgeschlossen ist. Diese Ergebnisse werden anschließend noch einmal interpretativ in Expertenworkshops besprochen, so dass wir die quantitativen Ergebnisse auch qualitativ absichern können.

Marketing in Westfalen: Am 30. Januar 2017 wurden bereits einige Zwischenergebnisse in der FHM Bielefeld vorgestellt. Welche sind hier wesentlich?

Die wesentlichen Ergebnisse sind offensichtlich, dass der Digitalisierungsgrad in den mittelständischen Unternehmen eher schwach ausgeprägt ist und am ehesten noch in der IT-Infrastruktur sichtbar ist

Prof. Dr. Volker Wittberg: Wenn es aber um die Mitarbeiterqualifikation geht, die systematische Digitalisierungsoffensive und die Integration von Digitalisierung in Wertschöpfungsprozessen, ist da noch Nachholbedarf.

Wir erleben im Land gerade eine Konjunktur, wie sie fast noch nie da gewesen ist. Wenn Sie Ihr Geschäftsmodell verfolgen und Sie können sich vor Aufträgen kaum retten und kommen mit der Auftragsbearbeitung nicht hinterher, dann sollten Sie überlegen, ob es sinnvoll ist, sich gerade zum jetzigen Zeitpunkt mit der Digitalisierungsoffensive zu beschäftigen.

Das ist das Geschäftsmodell der Zukunft. Wir alle wissen, die Gegenwart liegt uns näher als die Zukunft, aber gleichzeitig muss man auch feststellen, dass, wenn sich die industrielle Welt und die Welt der industriellen Dienstleistungen so weiterentwickelt wie jetzt, es für den Handwerker auch nicht mehr ausreicht, in den „Gelben Seiten“ zu stehen. Als Lieferant eines industriellen Global Players muss ich wahrscheinlich meine Wertschöpfung auch mit digitalisieren, um weiterhin Lieferant zu bleiben und nicht outgesourced zu werden.

Es ist herausgekommen, dass es unheimlich viel Nachholbedarf gibt, wenn man akzeptiert, dass Digitalisierung eine Notwendigkeit in der zukünftigen Geschäftsentwicklung ist und das erstaunlicherweise über alle Industrie- und Handelszweige hinweg und wenn man bis zu einer Größenklasse von bis zu 250 Mitarbeitern guckt. Bei Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern, wird es dann deutlich besser und intensiver. Das lässt sich damit erklären, dass dies häufig die Unternehmen sind, die in große Wertschöpfungsketten eingebunden sind, die möglicherweise auch nicht ihre Kunden um den Kirchturm herum versammelt haben und die natürlich auch mehr Ressourcen haben, um sich moderner Technologieentwicklung zuzuwenden.

Marketing in Westfalen: Für wen sind diese Forschungsergebnisse besonders interessant?

Wir richten uns zum einen an die Unternehmen selbst, die als Teilnehmer ein Feedback bekommen, wo sie stehen als eine Art „Self Assessment“

Prof. Dr. Volker Wittberg: Das andere ist die Politik in diesem Land. Die muss wissen, dass wenn es tatsächlich zu der digitalen Revolution kommt, welche Teile der Unternehmen dann plötzlich abgehängt sind. Das fängt dann bei so simplen Sachen an wie der Breitbandversorgung, die im Prinzip ja eine Notwendigkeit ist und geht weiter über Wirtschaftsförderungsprogramme bis in die Kommunen hinein: Lokale Wirtschaftsförderung, lokal ansässige Handwerks- und Handelskammern, die dort aktiv werden können, wo es nötig ist. Da haben wir dann vielleicht gelernt, dass die IT-Ausstattung gar nicht der Engpassfaktor ist, sondern der Umgang damit. Wir müssen auch sehen, dass wir die Abstraktionsebene verlassen müssen, auf der wir feststellen, dass Digitalisierung wichtig ist und stattdessen auf das konkrete Anwendungsbeispiel kommen und Probleme herausstellen.

Marketing in Westfalen: Wie werden Sie künftig mit den Ergebnissen weiterarbeiten?

Prof. Dr. Volker Wittberg: Wenn die Befragung abgeschlossen ist, bekommen die Teilnehmer ein Schaubild in Form einer Spinne, die die Kriterien Ausstattung, Personal und Wertschöpfungsprozesse in Unterkriterien abbildet, den Durchschnitt aller Unternehmen anzeigt und auch die eigene Position. Bei diesem interaktiven Tool können Sie zum Beispiel ihren Unternehmenstyp, die Größe und die Region auswählen und sich mit anderen Unternehmen vergleichen.

Die Region Ostwestfalen-Lippe ist zum Beispiel eine sehr ausgeprägte digitalisierte Region

Zudem wird es nach Abschluss dieses Projektes ein jährliches Monitoring des Entwicklungsstandes und der Weiterentwicklung von Unternehmen geben. Das Interessante hierbei ist die Gestaltung über eine Zeitreihe. Gegen Ende April wird der Ist-Stand vorliegen und im weiteren Verlauf wird beobachtbar sein, ob eine disruptive Entwicklung vorliegt und wir Sprünge erkennen können oder ob vielmehr ein evolutionärer Prozess stattfand.

Ich vermute, es wird ein „sowohl als auch“, denn es wird immer wieder disruptive Geschäftsmodelle geben, die auf der Internettechnologie basieren. Es wird in den Wertschöpfungsprozessen aber auch evolutionäre Prozesse geben. Man nehme zum Beispiel die Digitalisierung in den Banken: Als ich 25 Jahre alt war, ging ich noch zum Schalter und holte mir einen Kontoauszug, heute macht das kaum ein Mensch mehr. Wir können aber nicht sagen, dass die Digitalisierung plötzlich da war. Wir sind heute in vielen unserer Lebensbereiche voll digitalisiert. Das hat keiner als Disruption wahrgenommen, sondern es war eine Anpassung von bestimmten Prozessen und so wird es auch zu großen Teilen im Mittelstand passieren.

Die Aufgabe des Monitoring wird die Abbildung sein, in welchen Schritten und mit welcher Geschwindigkeit die Digitalisierung fortschreitet und in welchen Dimensionen sie sich ausprägt.

Marketing in Westfalen: Wie kann aus Sicht der KMUs mit den Ergebnissen weitergearbeitet werden?

Prof. Dr. Volker Wittberg: Das eine ist der Mind-Set in der Führungsmannschaft.

Dann muss es einer „können“: das heißt, Weiterbildung ist in den KMUs ein zentraler Punkt

Und in diesem Bereich ist es eben nicht so, dass jemand auf ein dreitägiges Seminar geht und danach Digitalisierungsmanager ist, sondern es handelt sich hier um einen langfristigen Prozess. Zudem können sich Unternehmen ihre Wertschöpfungsprozesse anschauen und herausstellen, wo Technik hilfreich sein kann.

Wenn ich das richtig angehe, bleibt kein Stein mehr auf dem anderen. Das fängt mit Dispositionsprozessen an, wenn automatische Lagerentnahmen wiederum automatische Bestellungen auslösen oder dass die Maschinenbelegungsplanung im Prinzip selbstgesteuert ist. Wo sie früher noch eine Arbeitsvorbereitung hatten und jeden Tag einen Fertigungsplan erstellten, machen die Maschinen das heute bedarfsgesteuert alleine.

Marketing in Westfalen: Ist das in diesem Ausmaße denn immer sinnvoll und wünschenswert?

Ich glaube, die Kernbotschaft ist, das Thema auf den eigenen Fall zu reduzieren

Prof. Dr. Volker Wittberg: Alle stehen vor diesen Buzzwords und haben da unheimlichen Respekt vor. Die Wahrheit ist aber: Wenn man das Ganze eindampft auf das eigene Tun und Handeln und auf die eigenen Prioritäten, dann kommt man am weitesten. Das alles ist kein Hexenwerk. Denken Sie daran, was wir heute alles mit einem Smartphone machen und das bedienen wir wie selbstverständlich. Aber kaum reden wir darüber im professionellen Umfeld, fällt uns nichts mehr dazu ein. Insofern glaube ich einfach an die Befähigung der Menschen, die Möglichkeiten der Technik und die Interaktion von beiden, dann wird das schon.

Marketing in Westfalen: Vielen Dank für das Gespräch!


Foto: pexels.com/jaymantri.com

Leitfaden zur Erstellung eines Marketingkonzepts

Themen: Management

Kristina Grube

Von Kristina Grube,

studiert aktuell Crossmedia & Communication Management (MA) an der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld, an der sie bereits den Studiengang Medienkommunikation und Journalismus (BA) absolviert hat. Neben dem Studium arbeitet sie parallel als freie Mitarbeiterin für eine lokale Tageszeitung.

  • Kommentare